1559: War die Josenburg die letzte Zuflucht der Dithmarscher?

Im Jahre 1559 verlor Dithmarschen seine Freiheit. Nachdem der Oberbefehlshaber der Invasionsarmee Ritter Johann Rantzau am Tage zuvor den Flecken Brunsbüttel erobert hatte, schrieb er am 7. und 8. Juni 1559 in Ostermoor zwei Briefe an den dänischen König.
Der zweite Brief bezieht sich auf die etwa 700 wehrlosen Dithmarscher Männer, Frauen und Kinder, die sich ihm soeben auf Gedeih und Verderb ergeben hatten. Es handelte sich um Flüchtlinge, die sich auf einer „mit zwey Häusern besetzte[n] und mit Wasser und Sümpfen umgebene[n] Wurth“ verschanzt hatten. Zur genauen Lage dieser Wurt schweigen die Chronisten jedoch. War die Josenburg die letzte Zufluchtstätte der Dithmarscher?

Die letz­te Feh­de
Im Mai und Juni des Jah­res 1559 unter­nahm der däni­sche König Fried­rich II. zusam­men mit dem Her­zog von Schles­wig-Hol­stein-Got­torf Adolf I. einen Kriegs­zug gegen die Bau­ern­re­pu­blik Dith­mar­schen. Anders als frü­her (1319, 1403/04, 1500) konn­te der Angriff der Fürs­ten dies­mal nicht abge­wehrt wer­den. Dith­mar­schen wur­de erobert und zwi­schen Fried­rich II., Adolf I. und dem Her­zog von Schles­wig-Hol­stein-Haders­le­ben Johann II. auf­ge­teilt.

Der Krieg von 1559 wird die „Letz­te Feh­de“ genannt, weil er die Unab­hän­gig­keit Dith­mar­schens been­de­te.

Bruns­büt­tel wird erobert
In sei­ner Chro­nik beschreibt Bol­ten (1784, 364) einen Teil der Kampf­hand­lun­gen, dar­un­ter die Erobe­rung des Kirch­spiels Bruns­büt­tels durch die fürst­li­chen Trup­pen:

„Am 6.6.1559 rückte der Feldherr [Johann Rantzau] mit den oldenburgischen, wrisbergischen und waltherthumischen Völkern und Moritz Ranzaus Geschwader aus der Stadt [Meldorf], und setzte sich neben Brunsbüttel an einem kleinen Strome, woran die Einwohner eine Schanze aufgeworfen hatten.“

Es gelang den Angrei­fern aber am nächs­ten Tag (7. Juni), die Schan­ze auf einer hin­rei­chend fes­ten Sand­bank zu umge­hen, die sich erst vor kur­zem gebil­det hat­te. Die Besat­zung der Schan­ze ver­such­te dar­auf hin zu flie­hen, jedoch setz­ten die Hol­stei­ner den flüch­ten­den Dit­mar­schern nach und töte­ten vie­le von ihnen. Die übri­gen zer­streu­ten sich im Lan­de oder ret­te­ten sich auf das ande­re Elb­ufer. Der Fle­cken Bruns­büt­tel wur­de im Sturm ohne gro­ßes Blut­ver­gie­ßen genom­men, da die meis­ten Ein­woh­ner den Ort schon ver­las­sen hat­ten.

Bol­ten schreibt, dass Johann Rant­zau

„nebst dem Grafen von Oldenburg im Flecken übernachtete, Waltherthumb aber im nächsten Dorfe dabey, das Quartier nehmen ließ.“

Am Fol­ge­tag (8. Juni) traf man auf

„ungefähr vierhundert Männer, nebst einer Anzahl Weiber, Knaben und Mägden, auf eine mit zwey Häusern besetzte und mit Wasser und Sümpfen umgebene Wurth gewichen, wo selbige Graben aufgeworfen, in der Eile sich etwas verschanzet, Wagen zusammengeschoben, allerley altes Bettzeug, Bankpfühle, Leinwand und sonstige Sachen … zusammengetragen und sich hinter solchen Dingen … gegen eine feindliche Macht und einen Anfall zu halten und zu vertheidigen Anstalt machten.“

Wei­ter heißt es:

„Wie sie aber sahen, daß sie von den angerückten Regimentern rund umher eingeschlossen wurden, und auf sie gleichsam Kopfjagd gemacht werden sollte, so warfen sie ihre Waffen nieder, und ergaben sich auf Gnade und Ungnade.“

Johann Rant­zau stand nun vor der Fra­ge, was mit den unge­fähr 700 „armen, unbe­waff­ne­ten Men­schen“ gesche­hen soll­te, aber dann

„trafen diese in eigenen Personen bey ihm ein, da denn der junge König gleich zum Mitleid gegen sie bewogen ward.“

In dem am fol­gen­den Tag gehal­te­nen Kriegs­rat der Fürs­ten plä­dier­ten aller­dings zwei Her­zö­ge, Bre­da Rant­zau und Bertram See­stedt, und ande­re für deren Nie­der­met­ze­lung. Johann Rant­zau dage­gen erklär­te die Mas­sa­krie­rung die­ser Men­schen für „sehr tyran­nisch“. Der inzwi­schen ange­reis­te König

„fiel ihm bey, und verlangte, wenn es nicht anders seyn könnte, ihm der dritte Theil der Gefangenen durchs Loos gegeben werden möchte, um sich nicht mit dergleichen Grausamkeit zu beflecken.“

Dar­auf hin wur­de im fürst­li­chen Lager beschlos­sen, die „Vor­nehms­ten unter den Gefan­ge­nen“ nach Hol­stein zu brin­gen, wäh­rend die „übri­gen hin­ge­gen mit Wei­bern und Kin­dern über die Elbe“ gesetzt wer­den soll­ten. Zuvor soll­ten sie aber noch schwö­ren, nichts

„wider den König und die Herzöge zu unternehmen, und nicht ohne Erlaubnis der Fürsten wiederkommen zu wollen.“

Nach Bol­ten (1784, 367) wur­den vie­le Gefan­ge­ne jedoch nicht nach Hol­stein, son­dern über Husum nach Got­torf geführt. Her­zog Adolf allein soll am Ende des Krie­ges 500 Gefan­ge­ne auf Schloss Got­torf beher­bergt haben.

Unter den Gefan­ge­nen soll sich auch „der Vogt von Bruns­büt­tel“ Jacobs Har­der befun­den haben. Der König ließ Jacobs Har­der in sein Schloss Sege­berg brin­gen (Cha­ly­ba­eus, 1888, 264). Die­ser wur­de nach voll­ende­ter Erobe­rung ers­ter könig­li­cher Land­vogt vom „süd­li­chen Dritt­hei­le“, also vom könig­li­chen Drit­tel Dith­mar­schens (Bol­ten, 1784, 368). Jacobs Har­der beklei­de­te die­ses Amt von 1559 bis 1567 und „hat … zu Bruns­büt­tel auf der Deichs­hörn gewoh­net“. Das schrieb jeden­falls Bol­ten. John­sen (1961, 409) wies jedoch nach, dass Jacobs Har­ders Hof im Land­re­gis­ter unter „Brunß­but­tell“ ein­ge­tra­gen war.

Lag die Wurt an der Elbe?
In sei­ner aus­führ­li­chen Abhand­lung über die Letz­te Feh­de von 1559 kon­sta­tiert Schä­fer (1930, 18), dass „die Nach­rich­ten … nicht [genü­gen], um den ein­ge­schla­ge­nen Weg und die Lage der Schan­ze sicher zu bestim­men“. Die bei­den von Rant­zau in Oster­moor an den däni­schen König geschrie­be­nen Brie­fe (unten) wei­sen zwar nach Oster­moor, aber der letz­te Zufluchts­ort der Dith­mar­scher muss sich nicht not­wen­di­ger­wei­se in der Bau­erschaft Oster­moor befun­den haben.

In sei­nem Brief vom 7. Juni berich­tet Johann Rant­zau, dass er irr­tüm­li­cher­wei­se zunächst davon aus­ge­gan­gen sei, dass das Regi­ment des Obers­ten vom Wol­de vom Feind bela­gert wer­de. Von Wol­de hat­te den Auf­trag, Dith­mar­schen von der Wils­ter­marsch aus anzu­grei­fen (Schä­fer, 1930, 19). Ein Ein­fall nach Dith­mar­schen war damals wohl nur über das Hoch­moor mög­lich. Rant­zau muss­te daher anneh­men, dass das Heer des Obers­ten dort oder im Osten der Oster­moo­rer Marsch in Schwie­rig­kei­ten gera­ten sei. Dies bewog ihn, sei­ne Leu­te mög­lichst schnell von Bruns­büt­tel aus nach Oster­moor in Rich­tung Lan­des­gren­ze vor­rü­cken zu las­sen.

Wahr­schein­lich erst gegen Abend des 7. Juni („es war aber vast spet“), als er bereits auf Oster­moo­rer Grund war, erkann­te Johann Rant­zau aber, dass vom Wol­des Hau­fen ihm ent­ge­gen frü­he­rer Mel­dun­gen unbe­drängt ent­ge­gen mar­schier­te. Da sich die Lage nun grund­le­gend geän­dert hat­te („es aber mit Rei­mar vom Wal­de die gestalt nicht gehabt“) und die Sol­da­ten erschöpft waren („die knech­te so gar müde gewe­sen“), ent­schied Rant­zau, zu biwa­ckie­ren und die Suche nach dem Feind erst am nächs­ten Mor­gen fort­zu­set­zen. Ob Rant­zau die Nacht (beque­m­er­wei­se) wirk­lich im Fle­cken Bruns­büt­tel ver­brach­te, wie Bol­ten berich­tet, ist zwei­fel­haft (Cha­ly­ba­eus, 1888, 263). Sei­ne Sol­da­ten schlu­gen ihr Lager jeden­falls wahr­schein­lich auf Oster­moo­rer Ter­rain auf.

Am Mor­gen des 8. Juni, noch bevor er den ers­ten Brief abge­schickt hat­te, erfuhr Johann Rant­zau durch einen als Unter­händ­ler auf­tre­ten­den Pre­di­ger, dass sich zahl­rei­che Flücht­lin­ge auf einer Wurt ver­schanzt hät­ten. Rant­zau ließ die Wurt wahr­schein­lich schnellst­mög­lich umstel­len.

Aber wo mag die Wurt gele­gen haben? Die zeit­ge­nös­si­sche Kar­te von Boeckel (Aus­schnitt unten) zeigt zwar zahl­rei­che Kampf­sze­nen, gibt aber lei­der kei­nen Auf­schluss dar­über, wo Rant­zau die Flücht­lin­ge vor­fand. Bei genau­er Betrach­tung der Kar­te erkennt man jedoch öst­lich der Ein­mün­dung des Edde­la­ker Fleets in die Elbe vor dem Elb­deich Struk­tu­ren, die man als am Elb­deich ange­lehn­te Wurt mit zwei Häu­sern und Men­schen deu­ten könn­te.

Die­se Wurt lag vor der Bau­erschaft Olde­bur­wör­den und stell­te mög­li­cher­wei­se einen Rest der alten Dorf­wurt dar. Man kann ver­mu­ten, dass sie von den Dith­mar­schern als Flucht­punkt gewählt wur­de, weil sie von Bruns­büt­tel aus schnell erreich­bar war, am Elb­strom lag und des­halb noch Hoff­nung bestand, in den nächs­ten Stun­den oder Tagen mit Boo­ten über die Elbe ent­kom­men zu kön­nen. Auf einer Wurt im Lan­des­in­ne­ren wäre man dage­gen sehr schnell ein­ge­schlos­sen wor­den, Flucht­mög­lich­kei­ten hät­ten dann nicht mehr bestan­den.

Aus­schnitt aus der Dith­mar­schen-Kar­te von Peter Boeckel, erstellt 1559, Nor­den rechts, Elbe links: Die Kar­te zeigt neben zahl­rei­chen Kampf­hand­lun­gen wie die Umge­hung Bruns­büt­tels die Flucht von Dith­mar­schern über die Elbe.

 

Ver­grös­ser­ter Aus­schnitt aus der obi­gen Kar­te: Hier ist der Ort, von dem ich ver­mu­te, dass sich dort die 700 dith­mar­scher Flücht­lin­ge ver­schanzt haben könn­ten, in etwas höhe­rer Auf­lö­sung dar­ge­stellt. Stu­di­en am Ori­gi­nal der Boeckel’schen Kar­te oder an bes­se­ren Repro­duk­tio­nen könn­ten die­se Fra­ge mög­li­cher­wei­se klä­ren.

Anmer­kung zu den Kar­ten
Arnold (2005) bemerkt, dass der „Quer­deich unter Bruns­büt­tel so nie exis­tiert“ habe. In der Tat befin­det sich dort das Edde­la­ker Fleet, des­sen Ein­mün­dung in die Elbe auf den Kar­ten klar zu erken­nen ist. Aller­dings kann mei­nes Erach­tens nicht ganz aus­ge­schlos­sen wer­den, dass auf dem Ufer des Fleets noch Res­te eines Deichs aus dem Hoch­mit­tel­al­ter vor­han­den waren, der gebaut wur­de, als das Gebiet von Bruns­büt­tel ein­ge­deicht wur­de. Im Osten (in der lin­ken Kar­te unten) der Bau­erschaft Oster­moor ist der Hols­ten­gra­ben (unter „De Land­sche­ydung“) zu erken­nen, zwi­schen dem Edde­la­ker Fleet und dem Hols­ten­gra­ben der „Hafen der Oster­moor­leu­te“, auch Hop­pen­ha­ven genannt.

Die Alter­na­ti­ve
Es wäre merk­wür­dig, wenn ein solch ein­schnei­den­des Ereig­nis wie das oben beschrie­be­ne kei­ner­lei Spu­ren in der Volks­über­lie­fe­rung hin­ter­las­sen hät­te.

Hans­sen und Wolf (1833, 48) schrei­ben in ihrer Chro­nik des Lan­des Dith­mar­schen über den klei­nen Ort Josen­burg, dass man sich erzäh­le, dass

in der Freiheitszeit hier ein gewaltiger Boje mit seinen 5 oder 6 Söhnen gehaust und seinen Hof zur Feste wider die Holsten gemacht habe“.

War womög­lich Josen­burg die letz­te Bas­ti­on der Bruns­büt­te­ler gegen die Inva­so­ren?

Josen­burg befin­det sich zwar im Kirch­spiel Edde­lak, grenzt aber unmit­tel­bar an die Bau­erschaft Oster­moor. Der Ort wird bereits 1578 in Mel­dor­fer Gerichts­pro­to­kol­len erwähnt („Han­ne­ken Peter thor Josen­borch“ in LAS 102.1, 149), wäre also hin­rei­chend alt.

Sicher­lich resi­dier­te nie ein „gewal­ti­ger Boje mit 5 oder 6 Söh­nen“ in Josen­burg. Es leb­te hier aller­dings der Bau­ern­schafts­ge­voll­mäch­tig­te und kurz­zei­ti­ge Kirch­spiel­vogt Claus Boie (1735 – 1792), genannt „Claus der Rei­che“. Der Groß­hof Josen­burg wur­de erst von des­sen Vater Peter (1692 – 1750) begrün­det, der einem Zweig der Oster­moo­rer Boi­en enstammt. Als Hans­sen und Wolf ihre Chro­nik ver­fer­tig­ten, war die Erin­ne­rung an die­se bei­den Boi­en und die rela­tiv unspek­ta­ku­lä­re Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Hofs sicher­lich noch in der Bevöl­ke­rung leben­dig. Es bestand daher selbst für phan­ta­sie­be­gab­te Men­schen kei­ner­lei Anlass, die bei­den Fast-Zeit­ge­nos­sen mit der Errich­tung einer „Fes­te wider die Hols­ten“ in alter Zeit in Ver­bin­dung zu brin­gen.

Trotz­dem mögen die­se bei­den Boi­en einen Bei­trag zur Ver­fes­ti­gung der Josen­burg-Legen­de gelie­fert haben. Aber könn­te es nicht sein, dass der in der Bolten’schen Chro­nik erwähn­te Jacobs Har­der, „der Vogt von Bruns­büt­tel“ und spä­te­re Land­vogt des könig­li­chen Teils Dith­mar­schens, der gesuch­te „gewal­ti­ge Boie“ war? Wie uns sein Sie­gel von 1561 ver­rät (Boie, 1936), ent­stamm­te die­ser bedeu­ten­de Mann näm­lich dem Geschlecht der Bruns­büt­te­ler Boi­en! Aller­dings „haus­te“ Jacobs Har­der nie auf der Josen­burg – sein Hof befand sich näm­lich in Dieks­hörn bzw. Bruns­büt­tel (sie­he oben). Auch hat­te er wohl kei­ne „5 oder 6 Söh­ne“ (sie­he Stamm­ta­fel der Bruns­büt­te­ler Boi­en in Boie und Boie, 1909) – es mag sich um Gefolgs­leu­te aus dem Geschlecht der Boi­en gehan­delt haben.

Mein Vor­fahr Wilcken Boie (1670 – 1747), um 1700 der größ­te Bau­er in Oster­moor, dort gebo­ren und spä­ter in Wes­ter­büt­tel lebend, hat­te jedoch 7 Söh­ne, von denen 6 das Erwach­se­nen­al­ter erreich­ten und hei­ra­te­ten. Viel­leicht hat dies die Men­schen so beein­druckt, dass sie die vie­len Söh­ne die­ses Man­nes in die Legen­de ein­wo­ben.

Der aus der Sicht der ein­fa­chen Bür­ger „gewal­ti­ge Boje“ Jacobs Har­der führ­te die auf der Wurt ein­ge­schlos­se­nen Dith­mar­scher an, und es war wahr­schein­lich auch er, der sie in aller Eile zur „Fes­te gegen die Hols­ten“ aus­bau­en ließ. Dem­nach war die­se „Fes­te“ nicht etwa bereits vor 1559 gegen einen aus Hol­stein über das Hoch­moor anrü­cken­den Feind errich­tet wor­den, wie man zunächst den­ken mag. Viel­mehr stell­te die Josen­burg ein Pro­vi­so­ri­um zur Abwehr des Hee­res des hol­stei­ni­schen Rit­ters Johann Rant­zau dar.

Rant­z­aus Heer könn­te am spä­ten Nach­mit­tag des 7. Juni von Bruns­büt­tel aus kom­mend das Edde­la­ker Fleet auf dem Weg zwi­schen Soe­s­men­hu­sen und Olde­bur­wör­den über­quert haben, um an der Lan­des­gren­ze dem ver­meint­lich bedräng­ten Regi­ment des Obers­ten von Wal­de zur Hil­fe zu eilen. Die­se Plä­ne waren aus den oben dar­ge­leg­ten Grün­den aber als­bald obso­let, und Rant­zau brach den Vor­marsch nach Osten ab.

Am Abend berich­te­te er dem König in sei­nem ers­ten Brief von den Ereig­nis­sen des Tages. Nach­dem Rant­zau am Mor­gen des 8. Juni von den Flücht­lin­gen auf der Wurt erfah­ren hat­te, dürf­te er sei­ne Ein­heit umge­hend nach Josen­burg beor­dert haben. Sie mag auf der Wurt­leu­tet­weu­te oder auf dem spä­te­ren Koogs­weg nach Nor­den vor­ge­rückt sein. Sei­nen zwei­ten Brief an den däni­schen König (unten) könn­te er ver­fer­tigt haben, als er sich süd­lich oder süd­west­lich von Josen­burg, aber noch in der Bau­erschaft Oster­moor auf­hielt (sie­he Kar­te von Mejer). Bol­ten (1784) beschreibt den Zufluchts­ort der Dith­mar­scher als „mit zwey Häu­sern besetz­te und mit Was­ser und Sümp­fen umge­be­ne Wurth“. Die­se Beschrei­bung passt her­vor­ra­gend auf die Gegend Josen­burg, wo das Abgra­ben des Hoch­moors wahr­schein­lich eine Sumpf­land­schaft hin­ter­las­sen hat­te.

Aus­schnitt aus der Kar­te von Johan­nes Mejer, 1651:
Die gepunk­te­te Linie mar­kiert die Gren­ze zwi­schen den Kirch­spie­len Bruns­büt­tel und Edde­lak.

Aus­schnitt aus der Kar­te von Johan­nes Mejer, 1651. Die gepunk­te­te Linie mar­kiert die Gren­ze zwi­schen den Kirsch­pie­len Bruns­büt­tel und Edde­lak.

Rant­z­aus Brie­fe an den däni­schen König
Hier nun die bei­den Oster­moo­rer Brie­fe Rant­z­aus (Michel­sen, 1834, 202):

Her Iohan Rantzowen schreiben, itzige kriegsleuffte vnd einen Predicanten durch welchen die Süderstrandinger gnade bitten lassen, betreffend.

7. Juni 1559.

   (Product. Meldorff den 8. Juny Anno LIX.)

   Durchleuchtigster großmechtigster, Durchleuchtige hochgeborne Fürsten vnd Hern, E. K. Mat. vnd F. G. sein mein vnderthenigste vnd vnderthenige gehorsame vnd willige dienste beuorn, gnedigster König vnd gnedige Hern. Ich will mit nichten zweiffeln, E. K. M. vnd F. G. haben hieuormals, was vns samptlichen alhir düsser orte van vnsen wedderwerdigen begegent, gnugsam bericht, dergestalt das wir gestrigs tags die gelegenheit besichtigt, heuten Dato früh morgens den Feind im nhamen der hilligen dreifaltigkeit anzugreiffen fürhabens, als wir auch gethan. Die feinde aber haben für vns die schantzen vorlauffen, die flucht genommen, vff sollichem nachjacht sein dennoch etzliche Ditmarschen erstochen vnd erschossen worden. Als aber die nachjacht ein ende gehatt, bin Ich dennoch bewogen, dem genommen abscheide nach den Zug nach Brunsbüttel zu fullensürende, darzu denn der Edel vnd wolgeborne Herr Anthoni Graff zu Oldenburg vnd Delmenhorst, mein gnediger Her, mit S. G. Regiment knechten, wiewoll dieselben nas vnd faule, dennoch zum zuge willich gewesen, vnd also den zug nach Brunsbüttel fürgenommen. Der Oberste Walderthumb aber mit seinen knechten ist in der nachjagt von vns kommen vnd noch nicht wieder angelangt. Ob er mm bey M. F. G. vnd Hern Hertzog Adolffen ankhomen, ist mir vnbewust, vnser Zug aber hat sich dardurch geendert, meines erachtens das seine knechte so sowoll als andre müde gewesen. Vnd nachdem aber Hochgedachten Graffen vnterwegen ehr dann daß wir Brunsbüttel erreicht, zeitungen zukommen, das der Oberste Reimer vam Walde durch den feint belagert, derwegen Ick nicht lenger vorharren können, sunder viel giriger worden, den zug nach Brunsbüttel vnd also nach dem Ostermoer mit aller gelegenheit zu erkunden fürzunemende, da Ich dan befunden, das Claus Rantzou vnd Reimar vom Wolde, als sie vnsern anzugk vormerkt, mit den knechten vnd Inwhonern der beiden Marsche auch angezogen. Es war aber vast spet, vnd hette sich sollichs so lange des bösen wetters halben vorweilet. Als es aber mit Reimar vom Walde die gestalt nicht gehabt, die feinde abermals des orts auch entlauffen, also das man nicht mann oder weib in dem orte fürgefunden, die knechte so gar müde gewesen, das man nicht lenger volgen konde, derhalben mich alhier hin vnd wieder diese nacht vff vngelegene Stette lageren müssen, vnd bin bedacht, morgen wiederumb den feind zu suchen, so viel müglichen zu vorvolgen vnd ein ander lager zu suchen, der hoffnung, der feint werde dennoch zum letzten an einem orte anzutreffen sein. Wie Ich mich aber ferner vorhalten soll, das werden E. Kon. Mar. vnd F. G. sampt den Königl. vnd Fürstl. Rethen gnedigst vnd gnedig erwegen vnd mich daruff Ihr gnedigst vnd gnedige gemöte vnd meinunge mit gnaden vormelden, darnach Ich mich vnderdenich zu richtende. Welches E. Kön. Mat. vnd F. G. denen Ich vnderthenigst vnd vnderdenig dienst zu erzeigen willichst als schuldigst, nicht vorhalten sollen, vnd hieruff derselben gnedigst vnd gnedig antwort gewertig bin. Dat. Ostermoer den 7. Iuny Anno LIX. E. Kön. Mat. vnd F. G.

vnderthenigster vnd vnderdeniger, schuldiger vnd williger Iohan Rantzou, Ritter.

 

In den Brief ein­ge­leg­ter Zet­tel

   Auch gnedigster vnd gnedige Hern, wie Ich diesen morgen dis mein schreiben habe abfertigen wollen, ist mir ein Predicant, welchen die ganze Süderstrant vmb einen Frieden bei mir vnd andern ansuchunge zu thunde abgefertigt, mit demselben Ich allenthalben vnderredung gehabt. Wiewoll Ich nu, dieweil sie nie bei einander, an weibe vnd kinde blut zu vorgiessen, so viel müglichen zu vorschonen gerne sehen möchte, so weis ich mich doch zu berichtende, das ihnen nicht zu glauben oder zu vortrauen, vnd darinne allerley bedenckent, wie dann E. Kön. Mat. vnd F. G. gnedigst vnd gnedig zu ermessen, übersende denselben Predicanten bei gegenwartigen brieves Zeigern E. K. M. vnd F. G. vnderthenigst vnd vnderdenig zu, vnd werden dieselben ihn hören, vnd was die nottursft erfordert, mit Ihren Königl. vnd Fürstl. Rethen in den Rath stellen.

   Vnser andern, die wir alhier sein, ist vnser bedenckent, wenn man mit diesen düsses orts, dieweil es so weit gereicht, seinen willen geschaffet vnd die hertigkeit mit ihnen braucht, So hetten die anderen desto mehr scheu, vnd mochten gedenken, das keine gnade zu erlangen. Will man sie auch zu gnaden annehmen, werden sie woll müssen das Geschütze vnd alle Wehre von sich geben, vnd der gebür vorhalten. Wir aber haben vns jegen ihnen nichts zu vorsprechen wissen, vnd sein bedacht, diesen tagk die gelegenheit ferner zu besichtigen. Wes nun E. K. M. vnd F. G. samvt derselben beihabenden Konigl. vnd Fürstl. Rethen in Rathsam bedenken vnd ferner darinne fürzunhemende, bitt Ich vnderthenigst vnd vnderdenich E. K. M. vnd F. G. willen mir daruff gnedigst vnd gnedig antwort vnvorzüglichen mit gnaden vormelden. Dat. Ostermoer den 8. Iuny Anno LIX.


 Lite­ra­tur

  • Boie K. (1936): Zur Vor­ge­schich­te der „Bruns­büt­te­ler Boi­en“ in Dith­mar­schen. Dith­mar­schen. Blät­ter der Hei­mat­ge­stal­tung 12, 74-84.
  • Boie K. und R. Boie (1909): Die Fami­lie Boie. Bruns­büt­te­ler Linie. Zeit­schrift der Gesell­schaft für Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Geschich­te 39, 1-135.
  • Bol­ten J.A. (1784): Dit­mar­si­sche Geschich­te. Drit­ter Theil. Kor­tens Buch­hand­lung. Reprint Ver­lag Schus­ter, Leer, 1979, 427 Sei­ten.
  • Cha­ly­ba­eus R. (1888): Geschich­te Dith­mar­schens bis zur Erobe­rung des Lan­des im Jah­re 1559. Ver­lag Lip­si­us und Tischer, Kiel und Leip­zig, Nach­druck Ver­lag Schus­ter Leer, 1973, 329 Sei­ten.
  • Esch und Haack (zir­ka 1895): Edde­lak in alter und neu­er Zeit. D. Hinz, Bruns­büt­tel­ha­fen, 55 Sei­ten.
  • Hans­sen J. und H. Wolf (1833): Chro­nik des Lan­des Dith­mar­schen. Lang­hoff­sche Buch­dru­cke­rei, Ham­burg, 515 Sei­ten.
  • John­sen W. (1936): Josen­burg. Bei­trä­ge zur Hof­ge­schich­te und Sip­pen­kun­de. Arti­kel in der Bruns­büt­te­ler Zei­tung vom 11.-19. Febru­ar, ins­ge­samt 26 Sei­ten.
  • John­sen W. (1961): Bau­ern, Hand­wer­ker, See­fah­rer. Zeit- und Lebens­bil­der aus dem Kirch­spiel Bruns­büt­tel und aus dem Lan­de Dith­mar­schen 1550-1850. Ver­ein für Bruns­bütt­ler Geschich­te. 468 Sei­ten.
  • Michel­sen A.L.J. (1834): Urkun­den­buch zur Geschich­te des Lan­des Dith­mar­schen. Reprint Sci­en­tia Ver­lag, 1969, 414 Sei­ten.
  • Neo­co­rus (1598): Dith­mer­sche His­to­ri­sche Geschich­te. 1. Band. Hrsg. F.C. Dah­l­mann, 1827. Ver­lag Hei­der Anzei­ger, 1904, 584 Sei­ten.
  • Schä­fer D. (1930): Der Dith­mar­scher Krieg. Jahr­buch des Ver­eins für Dith­mar­scher Lan­des­kun­de, Band X, 1-30.