Die Vokemannen in Ostermoor

Das Geschlecht der Brunsbütteler Boien

Die frü­he­re Boje-Real­schu­le in der Boje­stra­ße im ehe­ma­li­gen Bruns­büt­tel­koog sowie das Mat­thi­as-Boie-Haus in Bruns­büt­tel-Ort erin­nern noch heu­te an das für Bruns­büt­tel so bedeu­ten­de Geschlecht der Bruns­büt­te­ler Boi­en. Hier eine Aus­wahl bedeu­ten­der Mit­glie­der die­ses Geschlechts, wobei die im Kirch­spiel Bruns­büt­tel ansäs­si­gen Funk­ti­ons­in­ha­ber rot gekenn­zeich­net sind (nach Boie und Boie, 1909 und Klei­ne-Wei­sche­de, 1993):

Land­vög­te

  • Jacobs Har­der († 1563)
  • Dr. Chris­ti­an Boie († 1591)
  • Micha­el Boie (* 1526; † 1601)
  • Hein­rich Chris­ti­an Boie (* 1744; † 1806)

Kirch­spiel­vög­te

  • Claus Boie (* 1544; † 1590)
  • Claus Boie (* um 1590)
  • Mat­thi­as Boie (zir­ka * 1598; † 1653)
  • Franz Boie (* 1641; † vor 1721)

Kirch­spiel­schrei­ber

  • Johann Boie (leb­te um 1590)
  • Mar­cus Boie (* 1600; † 1669)
  • Johann Boie († 1701?)
  • Ste­phan Johann Boie (leb­te um 1700)

Pas­to­ren und Dia­ko­ne

  • Boe­ti­us Boie ali­as „Boe­ti­us Mar­quar­di“ (* 1495; † 1565)
  • Nico­laus Boie (zir­ka * 1501; † 1542)
  • Mar­cus Boie (* 1542; † 1605)
  • Micha­el Boie (* 1559; † 1626)
  • Mar­tin Boie (* 1604; † 1644)
  • Johan­nes Boie († 1645)
  • Boe­thi­us Petri Boie (leb­te um 1620)
  • Johann Fried­rich Boie (* 1716; † 1776)

Lan­des­ge­voll­mäch­tig­te

  • Peter Boie (leb­te um 1640)
  • Mancke Boie (* 1642; † 1711)
  • Johann Boie († 1700)
  • Mancke Boie (* 1678; † 1750)
  • Jacob Boie (* 1697; † 1764)
Die Brunsbütteler Boien hießen einst Vokemannen

Das Geschlecht der Bruns­büt­te­ler Boi­en ging offen­sicht­lich aus dem Geschlecht der Voke­man­nen her­vor, wel­ches bereits in mit­tel­al­ter­li­chen Urkun­den (1286, 1316) erwähnt wird. Die­se The­se wird durch die Über­lie­fe­rung, das Wap­pen von Dr. Chris­ti­an Boie und eine mit­tel­al­ter­li­che Urkun­de gestützt:

In der Stamm­ta­fel der Fami­lie Johann­sen, auf­ge­stellt 1779, wird an der Spit­ze ein Drees Johann geführt, wel­cher in der letz­ten Feh­de (1559) im Kampf gegen die Inva­so­ren in Krumm­wehl bei Mar­ne erschla­gen wur­de. Er war „ver­hei­ra­tet mit Sil­je aus dem Geschlecht der Facke­man­nen, itzo Boi­en“ (Boie und Boie, 1909, S. 7). Auch der Dith­mar­scher Chro­nist Bol­ten (1784, S. 100) ging davon aus, dass die Bruns­büt­te­ler Boi­en von den Voke­man­nen abstamm­ten, wie die Text­pas­sa­ge „hand­schrift­li­che Nach­richt vom alten Geschlecht der Vagen, nach­he­ri­gen Bojen“ erken­nen lässt.

Sowohl das Geschlecht der Bruns­büt­te­ler Boi­en als auch das der Wei­ßen Vaken führ­ten einen hal­ben schwar­zen Adler in ihrem Wap­pen. Im Wap­pen des Land­vogts Dr. Chris­ti­an Boie († 1591) fin­det man sowohl die drei Bojen der Bruns­büt­te­ler Boi­en als auch den Rosen­kranz der Wei­ßen Vaken, den Neo­co­rus (1598, S. 217) mög­li­cher­wei­se als Kamm­rad miss­deu­te­te. Dies lässt eine irgend­ei­ne ver­wandt­schaft­li­che Bezie­hung zwi­schen Boi­en und Wei­ßen Vaken ver­mu­ten.

Im Ver­trag von 1316, der zwi­schen der Han­se­stadt Ham­burg und Ver­tre­tern ver­schie­de­ner Geschlech­ter aus dem Kirch­spiel Bruns­büt­tel geschlos­sen wur­de, wer­den die Namen meh­re­rer Voke­man­nen auf­ge­führt, dar­un­ter Har­der, Bojo, Voke und Man­ekin. Die­se Leit­na­men tau­chen auch in der frü­hen Neu­zeit immer wie­der bei den Bruns­büt­tele­ler Boi­en auf.

Daher besteht für mich kein Zwei­fel: Die Bruns­büt­te­ler Boi­en ent­wi­ckel­ten sich aus dem mit­tel­al­ter­li­chen Geschlecht der Voke­man­nen. Die Bruns­büt­te­ler Boi­en dürf­ten ihren Fami­li­en­na­men erst Mit­te des 16. Jahr­hun­derts ange­nom­men haben, denn der oben auf­ge­führ­te Pas­tor Boe­ti­us Boie (* 1495; † 1565) nann­te sich nach sei­nem Vater Marquard/Marcus noch Boe­ti­us Mar­quar­di, also „Mar­quards Boie“. Der in der Fami­li­en­chro­nik der Boi­en (sie­he unten) auf­ge­führ­te legen­dä­re Ahn­herr der Boi­en, Harr oder Herr Vage, dürf­te somit der Begrün­der des Geschlechts der Vagen bzw. Voke­man­nen auf Dith­mar­scher Boden sein.

Die Vokemannen – frühe Einwohner von Ostermoor?

Um 1300 wur­de die Han­dels­schiff­fahrt auf der Elbe emp­find­lich durch See­räu­be­rei gestört. Eini­ge der betei­lig­ten See­räu­ber stamm­ten aus dem Kirch­spiel Bruns­büt­tel, wie die Ver­trä­ge von 1286, 1308 und 1316 erken­nen las­sen. Durch einen glück­li­chen Kar­ten­fund sind uns die alten Namen der Flu­ren in der Oster­moo­rer Feld­mark bekannt gewor­den. Lip­pert (1962) ver­such­te, die­se Flur­na­men den in den Urkun­den erwähn­ten See­räu­ber-Geschlech­tern zuzu­ord­nen. Beson­ders über­zeu­gend gelang ihm dies im Fal­le der Voke­man­nen, denn auf einer Kar­ten von 1728 ist öst­lich der noch heu­te vor­han­de­nen Ostert­weu­te eine Vack­men-Feld­mark ver­zeich­net. Auf die­ser befand sich – das sei neben­bei erwähnt – unser Bau­ern­hof.

Mas­siv gestützt wird die von Lip­pert (1962) vor­ge­schla­ge­ne Ver­or­tung der See­räu­ber in der Bau­erschaft Oster­moor durch einen bis­lang über­se­he­nen Hin­weis, näm­lich den Namen eines der im Ver­trag von 1316 auf­ge­führ­ten See­räu­ber. Die­ser hieß „Vos, Sohn des Scar­la­ken“ – der Land­strei­fen öst­lich der Wes­tert­weu­te wur­de noch 1728 „Schar­la­ken-Feld­mark“ genannt!

Wie wir wei­ter unten sehen wer­den, bezeich­net auch die Boi­en-Chro­nik die­se Gegend (genau­er: das Queet) als den Ort, wo sich der Ahn­herr des Boi­en-Geschlechts, Harr oder Herr Vage, im Jah­re 1208 ansie­del­te. Er hieß also Vage, Sohn des Har­der – so deu­te ich jeden­falls die­sen Namen. Frü­her ben­am­te man sei­ne Kin­der nach rela­tiv stren­gen Regeln. Als Namens­lie­fe­ran­ten dien­ten die Vor­fah­ren, wes­halb sich deren Namen unter güns­ti­gen Umstän­den sehr lan­ge in den Fami­li­en hal­ten konn­ten. Las­sen sich in den Archi­ven viel­leicht noch Namens­spu­ren des Harr Vage fin­den? Das Oster­moo­rer Acker­schatz­re­gis­ter von 1576 führt einen Hars Hans Wilcken und einen Vagenn Szahr als Land­ei­gen­tü­mer im Osten der Bau­erschaft auf, also zwei Män­ner, die in oder unweit der Vack­men-Feld­mark leb­ten. Bei­de sind wohl schon im Land­re­gis­ter von 1561 gelis­tet, dort als Hans Wilcken und Vagens Kin­der. Bei­de könn­ten wie der eben­falls im Land­re­gis­ter ein­ge­tra­ge­ne Vagens Kars­ten Nach­kom­men des Ahn­herrn des Boi­en-Clans sein.

Es deu­tet also eini­ges dar­auf hin, dass die Voke­man­nen in der Oster­moo­rer Feld­mark leb­ten. Jedoch soll nicht ver­schwie­gen wer­den, dass die Voke­man­nen auch in Zusam­men­hang mit dem noch heu­te exis­tie­ren­den Ort Gro­den, der sich west­lich von Bruns­büt­tel an der Elbe befin­det, gebracht wur­den. Nach Kla­ge­schrif­ten aus der ers­ten Hälf­te des des 15. Jahr­hun­derts, die Über­grif­fe von See­räu­bern aus dem Kirch­spiel Bruns­büt­tel auf Ham­bur­ger Schif­fe betref­fen, gehör­te das „vak­e­manns­leych­te van de gro­de“ zu den Übel­tä­tern (Boie, 1936a). Ver­ständ­li­cher­wei­se setz­te der Autor Boie „gro­de“ mit dem Ort Gro­den gleich, zumal sich eini­ge Ein­woh­ner des angren­zen­den Kirch­spiels Mar­ne eben­falls als See­räu­ber betä­tig­ten.

Auch ein Frie­dens­ver­trag von 1308 nennt „gro­den“ als Her­kunfts­ort von See­räu­bern. In der zwei­ten Aus­fer­ti­gung der Urkun­den wer­den eini­ge See­räu­ber­ge­schlech­ter („amit­ze­man­ni, stu­cke­ne­den­man­ni, wan­eke­man­ni, toden­man­ni“) nament­lich auf­ge­führt, die wie ande­re See­räu­ber („cete­ri“) in dem zuvor erwähn­ten „gro­den“ („de pre­dic­ta vil­la“) behei­ma­tet sind. Natür­lich ist man auch hier ver­sucht, den heu­ti­ge Dorf Gro­den bzw. einen wei­ter süd­lich gele­ge­nen, spä­ter aus­ge­deich­ten Vor­gän­ger­ort mit dem „gro­den“ des Doku­ments gleich zu set­zen. Ande­rer­seits ist wenig glaub­haft, dass all die­se See­räu­ber­ge­schlech­ter aus einem ein­zi­gen win­zi­gen Dorf stamm­ten – viel­mehr ist davon aus­zu­ge­hen, dass die See­räu­ber ent­lang des gesam­ten Elb­ufers des Kirch­spiels sie­del­ten.

Frü­her nann­te man grü­nes Vor­land all­ge­mein „gro­den“ oder „gro­ven“. Ein grode/grove, also grü­nes Vor­land, exis­tier­te eben­falls am Elb­ufer vor dem Oster­moor („dat man buthen vp vnser [= Dith­mar­scher] siden vann der Buten­dicks grou­en hen­au­er [= Gro­ven hin­über] nha dem But­tell“ heißt es in einem Brief von 1563). In die­sem Brief geht es übri­gens um die vor der Vack­men-Feld­mark bele­ge­nen Gro­ven. Mit „van de gro­de“ und „gro­den“ könn­te somit eben­so „die Gro­ven vor dem Oster­moor“ gemeint gewe­sen sein.

In den oben zitier­ten Kla­ge­schrif­ten wer­den zwei Vokes nament­lich genannt, näm­lich Voke Hin­riks­son und Voke Wil­ler – schon im Ver­trag von 1316 taucht ein Hen­ri­cus Voken­so­ne auf. Auch ande­re See­räu­ber tru­gen typi­sche Voke­man­nen- bzw. Boi­en-Namen wie Boye, Har­der und Mancke, wobei die­se Per­so­nen aller­dings nicht aus­drück­lich dem Geschlecht der Voke­man­nen zuge­ord­net wur­den. 1408 zogen Mancke, Voke Hin­riks­son und ande­re ein gestran­de­tes Ham­bur­ger Schiff voll­ends auf das Ufer, um es dort zu plün­dern. Auch hier wie­der­ho­len sich die Namen eini­ger alter See­räu­ber aus den alten Urkun­den.

Die Doku­men­te, die „gro­den“ als Her­kunfts­ort von See­räu­bern all­ge­mein oder der Voke­man­nen spe­zi­ell ange­ben, wider­spre­chen also nicht der Vor­stel­lung, dass die Voke­man­nen und ande­re See­räu­ber-Geschlech­ter in der Oster­moo­rer Feld­mark leb­ten. Viel­mehr gibt es über­zeu­gen­de Bewei­se dafür, dass „gro­den“ ein Sam­mel­be­griff für alle Gro­ven im Kirch­spiel war und die Voke­man­nen zumin­dest anfäng­lich im Osten der Oster­moo­rer Gro­ven (viel­leicht damals „Mars­gro­ve“ – also Moor­gro­ven – genannt, sie­he Ver­trag von 1316) ansäs­sig waren. Letz­te­res wird übri­gens von der Über­lie­fe­rung der Bruns­büt­tele­ler Boi­en aus­drück­lich bestä­tigt. Da die­se Fami­lie wie oben erwähnt aus den Voke­man­nen her­vor ging, könn­te uns deren Chro­nik Ein­bli­cke in die mit­tel­al­ter­li­che Geschich­te Oster­moors lie­fern.

Die Familienchronik der Brunsbütteler Boien

Die Fami­li­en­chro­nik der Bruns­büt­te­ler Boi­en wur­de vom Lan­des­ge­voll­mäch­tig­ten Peter Boie, selbst ein Bruns­büt­te­ler Boie, im Jah­re 1664 fer­tig gestellt. Sie teilt uns zahl­rei­che Details über die Umstän­de der Ein­wan­de­rung ihres Ahn­herrn, des Herrn Vage, an ande­rer Stel­le auch Harr Vage genannt, in Dith­mar­schen mit (aus Dah­l­mann, 1827, in Neo­co­rus, 1598, S. 502; sie­he auch Boie und Boie, 1909, S. 2):

„Dieser Herr Vage Boje ist bey Zeiten des Hrn. Ertz=Bischof zu Bremen Hardwici des andern in Dithmarschen gekommen, wie damahlen das Landt Dithmarschen nach Absterben Hertzog Henrici des Lewen unter bemelten Ertz=Bischoff gewesen und ist umbs Jahr Christi 1208 dieser Herr Vage Boje, weil er des Hrn. Ertz=Bischoffs Diener gewesen, vom Hrn. Erz-Bischoff mit der Fehr über die Elbe belehnet worden, dazu hat ihm ein jechliches Hauß aus dem Dorff Ostermohr jährlich ein rauch Huhn geben müssen, und er hat gewohnet in dem Marsch=Kroge, so nun im Queet genennet wird, woselbsten der Zeit die Kirche gestanden. Nachdem die Kirche weggebrochen und das Kirchspiel sich erweitert, sind seine Erben von dar weg, und bey der Kirchen Brunsbüttel gezogen, da sie denn noch bis dato wohnen. Die Fehr ist allezeit bei dem Geschlechte geblieben, bis nach Eroberung des Landes Ao. 1559 …

Das andere Privilegium, wegen eines jechlichen Hauses von Ostermohr ein Roeck=Hohn zu geben, ist alsofort noch bei des alten Herr Vagen Leben, weiln sich Dithmarschen nach Absterben des Hr. Ertz=Bischoffs, so Ao. 1213 geschehen, unter die Kirche Schleswig begeben, und also keinen gewissen Herrn gehabt, in etwas gefallen, gleichwohl so lange der Alte gelebet, geben müssen, hernacher aber, weiln sie die Dithmarschen nach völliger Freyheit getrachtet, auch bey der Schlacht Ao. 1226 völlig erlanget und keinen Herrn gehabt, auch der alte Herr Vage sich mit seinen Kindern völlig im Lande begeben, haben sie das Privilegium fallen lassen, und ist er und seine Nachkommen in Dithmarschen geblieben, sonsten ist er aus dem Erzstifft Bremen gebürtig gewesen, aus Landt Wursten.“

Peter Boie gibt die­se Ahnen­rei­he an: Harr Vake (dies­mal nicht „Herr Vake“ geschrie­ben, wirk­lich nur ein Zufall? – mehr dazu unten), Boie (um 1226), Har­der, Boie, Har­der, Mar­cus, Har­der, Boie, Mar­cus. Über letz­te­ren heißt es:

„Marcus Boye hat gelebet im Jahre 1500, wie König Johannes aus Dänemark in Dithmarschen geschlagen. Damahls ist seine Wohnstätte gewesen, wo meines seel. Vaters Hauß (welches nunmehr ausgeteichet) gestanden. Sie war umgeben mit einem großen Wassergraben und hat er kleine Fallconetten darauf gehabt, daß er Partheyen, welche im Lande gestreiffet, hat abhalten können.“ (Boie und Boie, 1909, S. 12).

Für einen ehe­ma­li­gen Oster­moo­rer wie mich ist natür­lich von beson­de­rem Inter­es­se, dass ein Frie­se namens Harr Vage sich um 1208 in der Oster­moo­rer Feld­mark ange­sie­delt haben soll und von den Oster­moor­ern all­jähr­lich ein „Rauch­huhn“ erhielt sowie eine Elb­fäh­re betrieb. Zudem soll es in der Oster­moo­rer Feld­mark sogar eine „Kir­che“ gege­ben haben.

Die Fami­li­en­chro­nik der Bruns­büt­te­ler Boi­en ist zwei­fel­los ein beein­dru­cken­des Doku­ment. Aber ist die­se Nie­der­schrift wirk­lich glaub­wür­dig? Das soll im Fol­gen­den unter­sucht wer­den.

Das Jahr der Einwanderung

Das angeb­li­che Jahr der Ein­wan­de­rung des Harr Vage (1208) befin­det sich schon des­halb auf schwan­ken­dem Grun­de, weil „Hart­wig der Ande­re“, also Hart­wig II., nur bis zum 3. Novem­ber 1207 leb­te. In der Chro­nik jedoch wird 1213 als Todes­jahr Hart­wigs ange­nom­men und behaup­tet, dass der Herr Vage fünf Jah­re vor dem Tode Hart­wigs nach Dith­mar­schen gekom­men sei. Wenn letz­te­res zuträ­fe, wäre Herr/Harr Vage im Jah­re 1202 und nicht erst im Jah­re 1208 nach Dith­mar­schen über­ge­sie­delt. Dith­mar­schen befand sich 1202 aller­dings unter der Herr­schaft des däni­schen Königs Knut VI., dem noch in dem­sel­ben Jahr Wal­de­mar II. folg­te. Die Fra­ge ist nun, ob die dama­li­ge poli­ti­sche Kon­stel­la­ti­on eine Ansied­lung von frie­si­schen Kolo­nis­ten in Dith­mar­schen über­haupt zuließ und die­se die erwähn­ten Pri­vi­le­gi­en vom Erz­bi­schof von Bre­men erhal­ten konn­ten.

Die Bezie­hun­gen Dith­mar­schens zum Erz­bis­tum Bre­men in den Jah­ren um 1200 her­um sind kom­pli­ziert und zumin­dest für mich als Lai­en etwas undurch­sich­tig, viel­leicht auch nicht völ­lig erforscht. Glück­li­cher­wei­se wird die­se beweg­te Zeit in meh­re­ren popu­lä­ren Wer­ken zur Dith­mar­scher Geschich­te rela­tiv aus­führ­lich abge­han­delt wird (Bol­ten, 1782; Dah­l­mann, 1827, in Neo­co­rus, 1598; Hans­sen und Wolf, 1833; Kols­ter, 1873; Cha­ly­baeus, 1888).

Nach der Ermor­dung des Gra­fen Rudolf II. von Sta­de durch die Dith­mar­scher im Jah­re 1144 fiel Dith­mar­schen zunächst an des­sen Bru­der Hart­wig (* 1118; † 1168), der sein gesam­tes Erbe dem Erz­bis­tum Bre­men ver­mach­te, es jedoch im Gegen­zug als lebens­lan­ges Lehen zurück erhielt und 1148 als Hart­wig I. zum Erz­bi­schof von Bre­men gewählt wur­de.

Dith­mar­schen wur­de aber als­bald vom mäch­ti­gen Her­zog Hein­rich der Löwe († 6.8.1195) in Besitz genom­men. Die­ser wur­de jedoch 1180 mit einer Reichs­acht belegt. Nach­dem Hein­rich sämt­li­che pri­va­ten Güter und die Reichs­le­hen ent­zo­gen wor­den waren, gelang es dem dama­li­gen Erz­bi­schof von Bre­men Sieg­fried I. (* 1132; † 1184), vom Kai­ser Fried­rich I. einen Lehns­brief für Dith­mar­schen zu erwer­ben. Jedoch mach­te Graf Adolf III. von Schau­en­burg und Hol­stein (* 1160; † 1225) 1182 erfolg­reich Ansprü­che auf Dith­mar­schen gel­tend, gab es aber nur zwei Jah­re spä­ter (1184) wie­der an den Erz­bi­schof zurück, offen­bar weil sei­ne For­de­run­gen zu wenig fun­diert waren.

Als Reak­ti­on auf dro­hen­de hohe Abga­ben an das noto­risch finanz­schwa­che Erz­bis­tum Bre­men erho­ben sich die Dith­mar­scher 1187 gegen den Bre­mer Erz­bi­schof (seit 1184 Hart­wig II.) und schlos­sen sich wohl 1188 dem Bis­tum Schles­wig an. Die­sem stand der ver­mö­gen­de Bischof Wal­de­mar (* 1157/58; † 1235/36), ein däni­scher Prinz, vor. Wahr­schein­lich auch in der Hoff­nung, so Dith­mar­schen für das Bre­mi­sche Erz­bis­tum zurück­zu­ge­win­nen, wur­de Bischof Wal­de­mar 1192 anstel­le des kurz zuvor abge­setz­ten Hart­wig II. zum Erz­bi­schof von Bre­men gewählt. Letz­te­rer war näm­lich so unvor­sich­tig gewe­sen, den aus der Ver­ban­nung zurück­ge­kehr­ten Hein­rich den Löwen in Sta­de auf­zu­neh­men (1189) und bei des­sen Unter­neh­mun­gen zu unter­stüt­zen. Infol­ge­des­sen fiel er 1191 beim neu­en Kai­ser Hein­rich VI. in Ungna­de und wur­de geäch­tet.

Der frisch gewähl­te Erz­bi­schof Wal­de­mar trat sein neu­es Amt jedoch nie an, denn er wur­de am 8. Juni 1192 im Auf­tra­ge des schles­wig­schen Her­zogs Wal­de­mar wegen sei­ner Ansprü­che auf die däni­sche Kro­ne fest­ge­setzt und bis 1206 gefan­gen gehal­ten. Im Auf­tra­ge des deut­schen Kai­sers erober­te der inzwi­schen von einem Kreuz­zug heim­ge­kehr­te Adolf III. Dith­mar­schen für das Bre­mer Erz­stift zurück. Dafür erhielt er von Hart­wig II., der wie­der in sein altes Amt ein­ge­setzt wor­den war, im Jah­re 1195 (Bestä­ti­gung durch Kai­ser Hein­rich VI. am 25. Okto­ber) die Graf­schaft Sta­de mit Dith­mar­schen zum Lehen, muss­te aber dem Erz­bis­tum Bre­men aber 2/3 der Ein­künf­te aus die­sen Ter­ri­to­ri­en über­las­sen.

Da der regu­lä­re schles­wig­sche Bischof Wal­de­mar in Haft saß, mel­de­te der däni­sche König Knut VI. (* 1162/63; † 1202) Ansprü­che auf das zuvor für eini­ge Jah­re zum Bis­tum Schles­wig gehö­ren­de Dith­mar­schen an und ent­riss Adolf III. Dith­mar­schen im Jah­re 1200. Als Reak­ti­on dar­auf fie­len Adolf III. und sein Bun­des­ge­nos­sen Adolf von Das­sel 1201 in Dith­mar­schen ein und ver­wüs­te­ten das Land schwer. Noch in dem­sel­ben Jahr schlug der Dänen­kö­nig Adolf III. in der Schlacht bei Stel­lau (in der Nähe von Wrist). Nach sei­ner Gefan­gen­nah­me durch Her­zog Wal­de­mar in der Nähe Ham­burgs und län­ge­rer Haft ver­zich­te­te Adolf III. im Jah­re 1203 auf sei­ne hol­stei­ni­schen Besit­zun­gen.

Am 11. Novem­ber 1202 starb Knut VI. ohne Nach­kom­men; die Königs­wür­de fiel des­sen jün­ge­rem Bru­der Wal­de­mar II. (* 1170; † 1241), dem Her­zog von Schles­wig, zu. 1203 wur­de Dith­mar­schen for­mal von der Graf­schaft Sta­de getrennt, 1214 sogar vom Deut­schen Reich. 1217 kauf­te Wal­de­mar II. Län­de­rei­en des Erz­bis­tums Bre­men in Dith­mar­schen auf und kapp­te dadurch die letz­ten noch ver­blie­be­nen welt­li­chen Bezie­hun­gen Dith­mar­schens zum Deut­schen Reich. Jedoch war die däni­sche Herr­schaft nicht von Dau­er. Wal­de­mar II. wur­de im Mai 1223 auf einem Jagd­aus­flug gefan­gen­ge­nom­men, nach Schwe­rin ver­bracht und dort in Ket­ten gelegt. 1225 wur­de er wie­der aus der Haft ent­las­sen, nach­dem er unter Eid ver­spro­chen hat­te, sei­ne ehe­mals zum Deut­schen Reich gehö­ren­den nord­el­bi­schen Besit­zun­gen auf­zu­ge­ben. Jedoch ent­band ihn der Papst 1226 von die­sem erzwun­ge­nem Eid. Wäh­rend Wal­de­mars Haft­zeit waren die Dänen bereits bis zur Eider zurück­ge­drängt wor­den, und mit der Schlacht von Born­hö­ved am 22. Juli 1227 fand die Herr­schaft Wal­de­mars II. über Nord­el­bin­gen ihr defi­ni­ti­ves Ende, und Dith­mar­schen gelang­te wie­der in den Besitz des Erz­bis­tums Bre­men. Peter Boie ver­legt die­ses für Dith­mar­schen so wich­ti­ge Ereig­nis – wie übri­gens auch Neo­co­rus (1598, dort S. 288) – fälsch­li­cher­wei­se in das Jahr 1226 („Schlacht Ao. 1226“).

Wäh­rend die welt­li­che Macht über Dith­mar­schen im Jah­re 1200 auf den däni­schen König über­ging, schei­nen die kirch­li­chen Ange­le­gen­hei­ten zumin­dest bis 1223 wei­ter von Bre­men aus gere­gelt wor­den zu sein. Im Jah­re 1223 schlos­sen der Erz­bi­schof von Bre­men und der Dom­probst in Ham­burg näm­lich einen Ver­gleich, dem zufol­ge der Dom­probst „geist­li­cher Herr ers­ter Instanz“ über ganz Nord­el­bi­en wur­de. Selbst nach der Schlacht von Born­hö­ved (1227), als Dith­mar­schen wie­der unter Bre­men kam, übte das Erz­bis­tum nur die welt­li­che Macht aus (Kols­ter, 1873, S. 59). Peter Boie irr­te also, als er behaup­te­te, dass die Dith­mar­scher sich nach dem Tode Hart­wigs II. „unter die Kir­che Schles­wig bege­ben“ hät­ten. Dies geschah bereits eini­ge Jah­re frü­her, näm­lich schon Ende der 1180er Jah­re.

An die­ser Stel­le müs­sen wir lei­der kon­sta­tie­ren, dass kei­nes der in der Boi­en-Chro­nik auf­ge­führ­ten geschicht­li­chen Details einer kri­ti­schen Prü­fung stand­hält. Ande­rer­seits aber befan­den sich laut Dah­l­mann (1827, in Neo­co­rus, 1598, S. 503) der Erz­bi­schof von Bre­men Hart­wig II. und sein Lehns­mann Graf Adolf III. von Schau­en­burg und Hol­stein von 1195 bis 1200 in „ruhi­gem Besit­ze von Dith­mar­schen“.

Dem Chro­nis­ten Neo­co­rus (1598, S. 288) war sehr wohl bekannt, dass Dith­mar­schen sich einst unter das Bis­tum Schles­wig bege­ben hat­te. Die Dith­mar­scher sei­en – so Neo­co­rus – dabei nicht Unter­ta­nen des Bischofs und der däni­schen Kro­ne, son­dern viel­mehr „nicht … gantz sine Under­dah­nen, son­der Bun­des­gena­ten gewe­sen“ gewe­sen. Die­se poli­ti­sche Kon­stel­la­ti­on soll laut Neo­co­rus bis zur Schlacht von Born­hö­ved (1227) fort­be­stan­den haben. Auch Bol­ten (1782, S. 209) unter­lag noch die­sem Irr­tum, als er ver­mu­te­te, dass der däni­sche König Knut VI. die bischöf­li­chen Besit­zun­gen, dar­un­ter Dith­mar­schen, nach der Inhaf­tie­rung des Bischofs Wal­de­mar (1192) ein­zog und Dith­mar­schen bis 1227 nicht wie­der her­gab (sie­he S. 212). Für einen im Jah­re 1664 leben­den Erfin­der einer Fami­li­en­ge­schich­te wäre es daher recht mutig gewe­sen, die Ansied­lung des Harr Vage gera­de für die­se Pha­se der Geschich­te anzu­neh­men und ent­ge­gen der Auf­fas­sung bedeu­ten­der ein­hei­mi­scher Chro­nis­ten wie Neo­co­rus zu behaup­ten, dass Dith­mar­schen nach dem Tod Hein­rich des Löwen (1195) unter der Herr­schaft des Bre­mer Erz­bi­schofs Hart­wig II. stand: „wie damah­len das Landt Dith­mar­schen nach Abster­ben Hertzog Hen­ri­ci des Lewen unter bemel­ten Ertz=Bischoff gewe­sen.

Die Erwäh­nung des Todes von Hein­rich dem Löwen weist auf die Zeit kurz nach 1195 hin. Wenn der Erz­bi­schof von Bre­men nach der Ablö­sung von Graf Adolf III. durch König Knut VI. wei­ter­hin als geist­li­ches Ober­haupt von Dith­mar­schen fun­gier­te, wie der Ver­gleich zwi­schen dem Erz­bi­schof in Bre­men und dem Dom­propst in Ham­burg vom Jah­re 1223 ver­mu­ten lässt, und des­halb auch wei­ter­hin gewis­se Pri­vi­le­gi­en gewäh­ren durf­te, dann könn­te sich Harr Vage als Gefolgs­mann des Erz­bi­schofs Hart­wig II. – in Ein­klang mit den Anga­ben von Peter Boie – 1202, also fünf Jah­re vor Hart­wigs Tod, oder sogar spä­ter in Dith­mar­schen ange­sie­delt haben.

Ansiedlung des Harr Vage im Queet

Das Queet befand sich sicher­lich in der Nähe der längst unter­ge­gan­ge­nen, aber his­to­risch bezeug­ten Quit­slip­pe (auch „Quedts­lyp­pen“ geschrie­ben). Dar­auf deu­tet nicht nur die Ähn­lich­keit der Namen hin, son­dern auch die Tat­sa­che, dass aus­ge­rech­net die Oster­moo­rer dem Harr Vage tri­but­pflich­tig gewe­sen sein sol­len. Inter­es­san­ter­wei­se wur­de die Flur öst­lich der Ostert­weu­te, die sich unweit der unter­ge­gan­ge­nen Quit­slip­pe befin­det, noch um 1600 „Vack­men-Feld­mark“ genannt, wie eine von W.H. Lip­pert (1962) gezeich­ne­te Kar­te erken­nen lässt.

Auf den ers­ten Blick scheint letz­te­res ein ganz star­kes Argu­ment für die Glaub­wür­dig­keit der Boi­en-Chro­nik zu sein. Aller­dings dürf­te deren Ver­fas­ser die Exis­tenz und Lage der Vack­men-Feld­mark sehr wohl bekannt gewe­sen sein, was ihn hät­te dazu ver­lei­ten kön­nen, den Ahn­herrn des Vak­e­man­nen-Geschlecht wegen der Namens­ähn­lich­keit hier anzu­sie­deln.

Die Privilegien

Laut Chro­nik muss­te pro Rauch, also pro Koch­stel­le, ein Rauch­huhn abge­lie­fert wer­den. Die­se Form der Abga­be ent­sprach den bre­mi­schen Gepflo­gen­hei­ten (Dah­l­mann, 1827, in Neo­co­rus, 1598, S. 503). Die legen­dä­re Geschich­te mit dem Rauch­huhn könn­te also wahr sein, jedoch waren Rauch­hüh­ner durch­aus nicht auf das Bre­mi­sche beschränkt.

Die Fra­ge ist, wel­che Gegen­leis­tung Harr Vage für das Rauch­huhn zu erbrin­gen hat­te. Muss­te er viel­leicht den Bau von Dei­chen und Ent­wäs­se­rungs­grä­ben orga­ni­sie­ren und erhielt dafür im Gegen­zug einen Strei­fen des nun ein­ge­deich­ten Lan­des?

Lei­der wis­sen wir nicht, wann die Oster­moo­rer Feld­mark erst­mals ein­ge­deicht wur­de. Das Feh­len eines Deichs zwi­schen Dith­mar­schen und der Wils­ter­marsch im spä­ten Mit­tel­al­ter kann viel­leicht als Indiz dafür inter­pre­tiert wer­den, dass der ers­te Deich nach 1227 errich­tet wur­de, also nach­dem die welt­li­che Herr­schaft über die Wils­ter­marsch und Dith­mar­schen nicht mehr in einer Hand lag. Ein durch­gän­gi­ger Elb­deich war nicht im Inter­es­se des Dith­mar­scher Frei­staats, denn er wäre für aus dem Hol­stei­ni­schen angrei­fen­de Inva­so­ren ein vor­züg­li­ches Ein­falls­tor nach Dith­mar­schen gewe­sen.

Die Fähr-Pri­vi­leg befand sich dem Chro­nis­ten Peter Boie zufol­ge noch bis 1559 im Besitz der Fami­lie. Eine Elb­fäh­re bestand wirk­lich, ihre ältes­te Beur­kun­dung stammt aus dem Jahr 1560 (Boie, 1936b, S. 86). Trotz inten­si­ven, jahr­zehn­te­lan­gen Suchens in den in Fra­ge kom­men­den Archi­ven konn­ten jedoch kei­ne Unter­la­gen gefun­den wer­den, wel­che die Exis­tenz eines Fähr­le­hens im Mit­tel­al­ter beweist - wahr­schein­lich gin­gen die betref­fen­den Urkun­den wie die meis­ten mit­tel­al­ter­li­chen Schrift­stü­cke irgend­wann ver­lo­ren. Aller­dings soll der Betrieb der Elb- und Eider­fäh­ren sowie der Fäh­re zur heu­rei­chen Insel Tötel (vor Büsum) zu den alten erz­bi­schöf­li­chen Rech­ten gehört haben (Dah­l­mann, 1827, in Neo­co­rus, S. 597).

Laut Boie (1936b) war die wirt­schaft­li­che Bedeu­tung der Fäh­re wegen der beschränk­ten Bezie­hun­gen zwi­schen links- und recht­sei­ti­gen Ufer­be­woh­nern stets sehr begrenzt. Dar­auf deu­te - so Boie - auch das Feh­len von wich­ti­gen Stra­ßen nach Bruns­büt­tel im Mit­tel­al­ter hin, außer­dem hät­ten Hols­ten­gra­ben und Kuden­see den Ort von der Wils­ter­marsch abge­schnit­ten. Wahr­schein­lich irrt der Autor, wenn er den tren­nen­den Cha­rak­ter von Strö­men, Flüs­sen und Bächen so sehr betont. Denn fast bis in die Gegen­wart hin­ein waren die Wege in der Marsch kaum pas­sier­bar. Der Trans­port von Gütern und Men­schen erfolg­te, wenn irgend mög­lich, über Was­ser­we­ge. In die­ser Hin­sicht dürf­te neben der Elbe das Edde­la­ker Fleet eine gewis­se Rol­le gespielt haben, über das die Geest und gro­ße Tei­le der Süder­marsch, auch das bis 1217 klös­ter­li­che Gut Wet­tern­wall, rela­tiv bequem erreicht wer­den konn­ten. In die­sem Zusam­men­hang mag man sich aller­dings fra­gen, wie­so gera­de das abge­le­ge­ne Oster­moor angeb­lich eine Fähr­stel­le beses­sen haben soll.

Boie (1936b) nennt Neu­haus an der Oste als ein mög­li­ches Ziel der Fäh­re am ande­ren Elb­ufer. Der Chro­nik zufol­ge hat­te sich Harr Vage jedoch im Queet – und nicht im Ort Bruns­büt­tel oder an der Mün­dung des Edde­la­ker Fleets - ange­sie­delt, was den Ziel­ha­fen Neu­haus als eher unwahr­schein­lich erschei­nen lässt. In Krum­men­deich, das Oster­moor direkt gegen­über liegt, fin­det man eine Stra­ße mit dem Namen „Wege­fährels“ – leg­te die Fäh­re etwa irgend­wo hier an?

Erwähnt wer­den soll noch ein bis­lang über­se­hen­des Indiz für die Exis­tenz einer Elb­fäh­re im Mit­tel­al­ter: In den Ver­trä­gen von 1308 und 1316 wird ein Johan(nes) Pram als Ein­woh­ner des Kirch­spiels Bruns­büt­tel auf­ge­führt. Das Wort Prahm war schon im Mit­tel­hoch­deut­schen bekannt und bezeich­ne­te ursprüng­lich eine fla­che Fäh­re mit schnit­ti­gem Rumpf. Die­ser Johan(nes) Pram war offen­bar einer der Fähr­leu­te. Er gehör­te aller­dings nicht dem Geschlecht der Voke­man­nen, son­dern dem der Amit­ze­man­nen an.

Besa­ßen mög­li­cher­wei­se damals die Amit­ze­man­nen und nicht die Voke­man­nen das Fähr-Pri­vi­leg? Wur­de es erst viel­leicht erst spä­ter von den Vokemannen/Boien über­nom­men? War dies der Grund für die Umsied­lung der Voke­man­nen nach Wes­ten? Die Amit­ze­man­nen sie­del­ten nach Ansicht von Lip­pert (1962) auf einer Flur nahe dem öst­li­chen Ufer der Ein­mün­dung des Edde­la­ker Fleets in die Elbe. Die­ser Stand­ort war für eine Fähr­stel­le mei­nes Erach­tens weit bes­ser geeig­net als das abseits gele­ge­ne Queet. Aber viel­leicht nutz­ten die Voke­man­nen den spä­ter so genann­ten „Hafen der Oster­moor­leu­te“, die Mün­dung eines Fleets zwi­schen den Bau­erschaf­ten Oster­moor und Olde­bur­wör­den, das frü­her viel­leicht mit dem Edde­la­ker Fleet ver­bun­den war.

Herkunft aus dem Land Wursten

Der Über­lie­fe­rung nach war Harr Vage Frie­se und stamm­te aus dem Land Wurs­ten. Die frie­si­sche Her­kunft wird von den Fami­li­en­wap­pen der Boi­en unter­mau­ert.

Das Fami­li­en­wap­pen der Bruns­büt­te­ler Boi­en¹ wird von Neo­co­rus (1598, S. 217) so beschrie­ben:

„Ein schwart Adeler im witten Velde unnd dre Garstenkorne im blawen Velde“.

Die Gers­ten­kör­ner stel­len aller­dings wohl Bojen und kei­ne Gers­ten­kör­ner dar. Man könn­te nun ver­mu­ten, dass die Bojen die von den Boi­en betrie­be­ne Elb­fäh­re sym­bo­li­sie­ren sol­len. Jedoch rich­te­ten sich die für die Wap­pen ver­wen­de­ten Sym­bo­le nach dem Fami­li­en­na­men und nicht umge­kehrt. Wenn eini­ge der Voke­man­nen zum Bei­spiel um 1550 den Fami­li­en­na­men Boie annah­men, dann kön­nen die drei Bojen dem­nach frü­hes­tens in die­ser Zeit in das Wap­pen gelangt sein.

Schon im Ver­trag von 1316 wird ein „petrus fili­us albi voko­nis“ (Peter, Sohn des Wei­ßen Voke) als Zeu­ge auf­ge­führt (Michel­sen, 1834, S. 12). Über das Wap­pen der „Wei­ßen Vaken“ schreibt Neo­co­rus (1598, S. 217):

Wit­te Vak­em, noch 1 schwart Arntt unnd 1 witt Kam­radt - - - - iß frombd“.

Letz­te­re Aus­sa­ge ist für uns natür­lich außer­or­dent­lich inter­es­sant, denn sie deu­tet auf eine außer­dith­mar­si­sche Her­kunft hin. Der „Arntt“ ist ein Adler, bei dem „Kamm­rad“ han­delt es sich viel­leicht um einen Rosen­kranz. Der Land­vogt Dr. Chris­ti­an Boie führ­te sowohl die drei Bojen der Bruns­büt­te­ler

Boi­en als auch den Rosen­kranz (der Wei­ßen Vaken?) in sei­nem Wap­pen, was auf eine ver­wandt­schaft­li­che Bezie­hung der bei­den Geschlech­ter deu­tet. Im Lan­de Wurs­ten schmückt der hal­be schwar­ze Adler das Wap­pen zahl­rei­cher Bau­ern­fa­mi­li­en, und man fin­det ihn auch im Wap­pen eini­ger Ort­schaf­ten wie Dorum. Das war schon Boie und Boie (1909, dort S. 10) auf­ge­fal­len.

Wap­pen von Micha­el Boie
Pas­tor in Wils­ter (* 1559; † 1626)
(aus Boie und Boie, 1909)
Wap­pen des Dr. Chris­ti­an Boie
Land­vogt in Mel­dorf (um 1560)
(aus Michel­sen, 1834)
Wap­pen der Stadt Dorum

Das Recht der Frie­sen, die­ses Motiv im Wap­pen zu ver­wen­den, soll auf Kai­ser Bar­ba­ros­sa zurück gehen. Der Legen­de nach dien­ten Frie­sen in der Leib­wa­che des Kai­sers. Wäh­rend sei­nes Kreu­zu­ges sol­len die­se in Rom einen Anschlag auf ihn ver­ei­telt haben. Als Beloh­nung gewähr­te Bar­ba­ros­sa ihnen das Recht, den schwar­zen Adler im Wap­pen zu füh­ren (Iba und Grä­fing-Refin­ger, 1999) – das müss­te 1190 gewe­sen sein. Das wäre dann gera­de noch früh genug für frie­si­sche Aus­wan­de­rer, um den hal­ben Adler nach Dith­mar­schen mit­zu­neh­men. Es ist natür­lich aber auch mög­lich, dass die Erin­ne­rung an die frie­si­sche Her­kunft bei den Nach­kom­men des Harr Vage lan­ge wach blieb und der hal­be Adler erst sehr spät in das Wap­pen gelang­te.

Die frie­si­sche Her­kunft der Vokemannen/Boien wur­de wohl kaum vom Ver­fas­ser der Fami­li­en­chro­nik erfun­den, denn das Wap­pen mit dem hal­ben schwar­zen Adler exis­tier­te nach­weis­lich schon weit vor 1664. Aller­dings kön­nen wir nicht aus­schlie­ßen, dass der im Wap­pen bereits vor­han­de­ne schwar­ze hal­be Adler im Nach­hin­ein als Indiz für die frie­si­sche Her­kunft inter­pre­tiert wur­de. Jedoch fragt man sich, wes­halb ein füh­ren­des dith­mar­scher Geschlecht sich aus­ge­rech­net von Ein­wan­de­rern aus dem Land Wurs­ten ablei­te­te, wo es für geschichts­klit­tern­de Chro­nis­ten doch weit­aus nahe­lie­gen­der - weil ehren­vol­ler – gewe­sen wäre, eine urdith­mar­scher Her­kunft zu kol­por­tie­ren.

Erwähnt wer­den soll­te noch, dass es sich bei Vake/Voke um einen frie­si­schen Name han­delt. Das in Ver­bin­dung mit Vake/Vage gebrauch­te Herr wur­de ver­schie­dent­lich als Per­so­nen­na­men – und nicht als Titel – gedeu­tet. Nach Boie (1936a) könn­te sich „Herr“ von den eben­falls frie­si­schen Namen Har, Hare oder Her ablei­ten. Die­se Vor­stel­lung fin­det sich schon bei Bol­ten (1782, S. 312), der die For­mu­lie­rung „Har­re Vacke oder Vage“ benutzt.

Kirche und Erweiterung des Kirchspiels

Von einer Kir­che oder Kapel­le in der Oster­moo­rer Feld­mark ist uns lei­der nichts bekannt, jedoch mag in der Nähe der Fähr­stel­le ein Sakral­bau, viel­leicht eine klei­ne Kapel­le, bestan­den haben. In der Tat hat sich das Kirch­spiel erwei­tert, wie Peter Boie meint - dies geschah ver­mut­lich um 1350, als das Gebiet süd­lich von Kattre­pel (Wes­ter­diek) ein­ge­deicht wur­de.

Die Ahnenreihe und der Boien-Hof

Stoob (1959, S. 248) monier­te, dass die von Peter Boie auf­ge­führ­ten spät­mit­tel­al­ter­li­chen Vokemannen/Boien in unab­hän­gi­gen Doku­men­ten nicht nach­weis­bar sei­en. Han­sen ging nach Stoob sogar so weit, die Ahnen­rei­he der Boi­en als „wahr­schein­lich ganz erfun­den“ zu bezeich­nen. Zur Über­prü­fung die­ser Aus­sa­ge sei­en die Ver­trä­ge von 1308 und 1316 her­an­ge­zo­gen. Wenn die von Peter Boie auf­ge­stell­te Stamm­ta­fel kor­rekt ist, müss­ten ein „Boie“ oder – wahr­schein­li­cher – ein „Har­der“ als Ver­tre­ter der Voke­man­nen auf­tau­chen. In der Tat wer­den dort jeweils ein Bojo und ein Her­der ver­zeich­net, jedoch tra­gen deren Väter (Fried­rich und Hen­ri­cus Voken­so­ne) Namen, die mit denen in der Stamm­ta­fel unver­träg­lich sind. Natür­lich kön­nen wir nicht aus­schlie­ßen, dass die gesuch­ten Boie oder Har­der dem Ver­trags­schluss aus irgend­wel­chen Grün­den gar nicht nicht bei­wohn­ten.

Stoob (1959, S. 249) hält sogar die rela­tiv jun­ge Über­lie­fe­rung des mit Kano­nen bewaff­ne­ten Hofs für „roman­ti­sche Phan­ta­sie“, weil die­se ihn an die der Wes­sel­bu­re­ner Vog­de­man­nen­hö­fe erin­nert. Selbst die Ein­ord­nung des Refor­ma­tors Nico­laus Boie in den Stamm­baum wird von Stoob ange­grif­fen (S. 250).

Fazit

In die Boi­en-Chro­nik mögen über Genera­tio­nen tra­dier­te Irr­tü­mer ein­ge­flos­sen sein, wei­te­re wur­den viel­leicht vom Autor oder von des­sen zeit­ge­nös­si­schem Umfeld leicht­fer­tig oder sogar absicht­lich hin­zu­ge­fügt. Kaum ein von uns über­prüf­ba­res Detail hält einer kri­ti­schen Über­prü­fung stand, und es sind daher gene­rel­le Zwei­fel an der Ver­läss­lich­keit der Boi­en-Chro­nik ange­bracht. Ande­rer­seits mag ihr ein wah­rer Kern inne­woh­nen.

Und so könnte es wirklich gewesen sein …

Zwi­schen 1195 und 1200 bestan­den zwi­schen Dith­mar­schen sowie dem Land Wurs­ten enge­re poli­ti­sche Bezie­hun­gen, weil der Erz­bi­schof von Bre­men geist­li­ches Ober­haupt bei­der Land­schaf­ten war, und im Fal­le Dith­mar­schens bestand sogar eine Lehns­ho­heit des Bre­mer Erz­stifts. Der Wurst­frie­se Harr Vage erhielt als „Die­ner des Herrn Erz­bi­schofs“ die Gele­gen­heit, sich auf dem wahr­schein­lich noch unbe­deich­ten Elb­ufer vor dem Wüs­ten Moor anzu­sie­deln. Er erhielt die­ser neben einem Strei­fen Land (spä­ter „Vack­men-Feld­mark“ genannt) vom Erz­bi­schof die Erlaub­nis eine Elb­fäh­re zu betrei­ben. Fer­ner wur­de ihm das Rauch­huhn-Pri­vi­leg über­tra­gen.

Die Erben des Harr Vage, das Geschlecht der „Voke­man­nen“, wand­ten sich Ende des 13. Jahr­hun­derts jedoch der See- und Strand­räu­be­rei zu. Dies geschah, weil die Han­dels­schiff­fahrt auf der Elbe enorm zuge­nom­men (offi­zi­el­les Grün­dungs­jahr des Ham­bur­ger Hafens 1189) und sich Dith­mar­schen nach der Schlacht von Born­hö­ved im Jah­re 1227 unter der locke­ren Herr­schaft des Erz­bi­schofs von Bre­men zu einem nahe­zu sou­ve­rä­nen Staat ohne nen­nens­wer­te Zen­tral­ge­walt ent­wi­ckelt hat­te. Infol­ge von poli­ti­schen Ver­än­de­run­gen, viel­leicht aber auch wegen Ver­lan­dung oder Ero­si­on der zuvor genutz­ten Anle­ge­stel­len, ver­la­ger­ten sich die Waren- und Per­so­nen­strö­me, und die Inha­ber des Fähr-Pri­vi­legs ver­leg­ten die Fähr­stel­le nach Wes­ten. Wann dies geschah, bleibt vor­erst unklar.


Lite­ra­tur

  • Boie K. (1936a): Zur Vor­ge­schich­te der „Bruns­büt­te­ler Boi­en“ in Dith­mar­schen. Dith­mar­schen. Blät­ter der Hei­mat­ge­stal­tung 12, 74-84.
  • Boie R. (1936b): Geschich­te der Elb­fäh­re bei Bruns­büt­tel, akten­mä­ßig gese­hen. Dith­mar­schen. Blät­ter der Hei­mat­ge­stal­tung 12, 85-99.
  • Boie K. und R. Boie (1909): Die Fami­lie Boie. Bruns­büt­te­ler Linie. Z. Ges. Schlesw.-Holst. Gesch. 39, 1-135.
  • Bol­ten J.A. (1782): Dit­mar­si­sche Geschich­te. Zwey­ter Theil. Kor­tens Buch­hand­lung. Reprint Ver­lag Schus­ter, Leer, 1979, 499 Sei­ten.
  • Bol­ten J.A. (1784): Dit­mar­si­sche Geschich­te. Drit­ter Theil. Kor­tens Buch­hand­lung. Reprint Ver­lag Schus­ter, Leer, 1979, 427 Sei­ten.
  • Cha­ly­baeus R. (1888): Geschich­te Dith­mar­schens. Ver­lag Lip­si­us und Tischer. Unver­än­der­ter Nach­druck Ver­lag Schus­ter, Leer 1973, 329 Sei­ten.
  • Hans­sen J. und H. Wolf (1833): Chro­nik des Lan­des Dith­mar­schen. Lang­hoff­sche Buch­dru­cke­rei, Ham­burg, 515 Sei­ten.
  • Iba I.M. und H. Grä­fing-Refin­ger (1999): Hake Bet­ken sie­ne Duven: Das gros­se Sagen­buch aus dem Land an Elb- und Weser­mün­dung. Ver­lag Män­ner vom Mor­gen­stern, 3. Aufl., 314 Sei­ten.
    Klei­ne-Wei­sche­de K. (1993): Über das Wir­ken der Boies aus Bruns­büt­tel vor 1674. Bruns­büt­te­ler Spu­ren. Bei­trä­ge zur Hei­mat­ge­schich­te VIII, 76-88.
  • Lip­pert W.H. (1962): Anhang zum Arti­kel „Bruns­büt­tel­koog“ von John Jacob­sen. Dith­mar­schen 2, 42-44.
  • Michel­sen A.L.J. (1834): Urkun­den­buch zur Geschich­te des Lan­des Dith­mar­schen. Reprint Sci­en­tia Ver­lag, 1969, 414 Sei­ten.
  • Neo­co­rus (1598): Dith­mer­sche His­to­ri­sche Geschich­te. 1. Band. Hrsg. F.C. Dah­l­mann, 1827. Ver­lag Hei­der Anzei­ger, 1904, 584 Sei­ten.
  • Stoob H. (1959): Geschich­te Dith­mar­schens im Regen­ten­zeit­al­ter. Boy­ens, Hei­de, 451 Sei­ten.

Redak­tio­nel­le Anmer­kung
¹ [21.4.2013] Der ursprüng­lich von Boy gesetz­te Link war nicht mehr erreich­bar. Die Domain mein-brunsbuettel.de exis­tiert nicht mehr.
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