Die Vokemannen in Ostermoor

Das Geschlecht der Brunsbütteler Boien

Die frühere Boje-Realschule in der Bojes­traße im ehe­ma­li­gen Bruns­büt­telkoog sowie das Matthias-Boie-Haus in Bruns­büt­tel-Ort erin­nern noch heute an das für Bruns­büt­tel so bedeu­tende Geschlecht der Bruns­büt­tel­er Boien. Hier eine Auswahl bedeu­ten­der Mit­glieder dieses Geschlechts, wobei die im Kirch­spiel Bruns­büt­tel ansäs­si­gen Funk­tion­sin­hab­er rot gekennze­ich­net sind (nach Boie und Boie, 1909 und Kleine-Weischede, 1993):

Land­vögte

  • Jacobs Hard­er († 1563)
  • Dr. Chris­t­ian Boie († 1591)
  • Michael Boie (* 1526; † 1601)
  • Hein­rich Chris­t­ian Boie (* 1744; † 1806)

Kirch­spielvögte

  • Claus Boie (* 1544; † 1590)
  • Claus Boie (* um 1590)
  • Matthias Boie (zir­ka * 1598; † 1653)
  • Franz Boie (* 1641; † vor 1721)

Kirch­spielschreiber

  • Johann Boie (lebte um 1590)
  • Mar­cus Boie (* 1600; † 1669)
  • Johann Boie († 1701?)
  • Stephan Johann Boie (lebte um 1700)

Pas­toren und Diakone

  • Boetius Boie alias „Boetius Mar­quar­di“ (* 1495; † 1565)
  • Nico­laus Boie (zir­ka * 1501; † 1542)
  • Mar­cus Boie (* 1542; † 1605)
  • Michael Boie (* 1559; † 1626)
  • Mar­tin Boie (* 1604; † 1644)
  • Johannes Boie († 1645)
  • Boethius Petri Boie (lebte um 1620)
  • Johann Friedrich Boie (* 1716; † 1776)

Lan­des­gevollmächtigte

  • Peter Boie (lebte um 1640)
  • Mancke Boie (* 1642; † 1711)
  • Johann Boie († 1700)
  • Mancke Boie (* 1678; † 1750)
  • Jacob Boie (* 1697; † 1764)
Die Brunsbütteler Boien hießen einst Vokemannen

Das Geschlecht der Bruns­büt­tel­er Boien ging offen­sichtlich aus dem Geschlecht der Voke­man­nen her­vor, welch­es bere­its in mit­te­lal­ter­lichen Urkun­den (1286, 1316) erwäh­nt wird. Diese These wird durch die Über­liefer­ung, das Wap­pen von Dr. Chris­t­ian Boie und eine mit­te­lal­ter­liche Urkunde gestützt:

In der Stammtafel der Fam­i­lie Johannsen, aufgestellt 1779, wird an der Spitze ein Drees Johann geführt, welch­er in der let­zten Fehde (1559) im Kampf gegen die Inva­soren in Krummwehl bei Marne erschla­gen wurde. Er war „ver­heiratet mit Sil­je aus dem Geschlecht der Fack­e­man­nen, itzo Boien“ (Boie und Boie, 1909, S. 7). Auch der Dith­marsch­er Chro­nist Bolten (1784, S. 100) ging davon aus, dass die Bruns­büt­tel­er Boien von den Voke­man­nen abstammten, wie die Textpas­sage „hand­schriftliche Nachricht vom alten Geschlecht der Vagen, nach­heri­gen Bojen“ erken­nen lässt.

Sowohl das Geschlecht der Bruns­büt­tel­er Boien als auch das der Weißen Vak­en führten einen hal­ben schwarzen Adler in ihrem Wap­pen. Im Wap­pen des Land­vogts Dr. Chris­t­ian Boie († 1591) find­et man sowohl die drei Bojen der Bruns­büt­tel­er Boien als auch den Rosenkranz der Weißen Vak­en, den Neo­corus (1598, S. 217) möglicher­weise als Kamm­rad miss­deutete. Dies lässt eine irgen­deine ver­wandtschaftliche Beziehung zwis­chen Boien und Weißen Vak­en ver­muten.

Im Ver­trag von 1316, der zwis­chen der Hans­es­tadt Ham­burg und Vertretern ver­schieden­er Geschlechter aus dem Kirch­spiel Bruns­büt­tel geschlossen wurde, wer­den die Namen mehrerer Voke­man­nen aufge­führt, darunter Hard­er, Bojo, Voke und Manekin. Diese Leit­na­men tauchen auch in der frühen Neuzeit immer wieder bei den Bruns­büt­telel­er Boien auf.

Daher beste­ht für mich kein Zweifel: Die Bruns­büt­tel­er Boien entwick­el­ten sich aus dem mit­te­lal­ter­lichen Geschlecht der Voke­man­nen. Die Bruns­büt­tel­er Boien dürften ihren Fam­i­li­en­na­men erst Mitte des 16. Jahrhun­derts angenom­men haben, denn der oben aufge­führte Pas­tor Boetius Boie (* 1495; † 1565) nan­nte sich nach seinem Vater Marquard/Marcus noch Boetius Mar­quar­di, also „Mar­quards Boie“. Der in der Fam­i­lienchronik der Boien (siehe unten) aufge­führte leg­endäre Ahn­herr der Boien, Harr oder Herr Vage, dürfte somit der Begrün­der des Geschlechts der Vagen bzw. Voke­man­nen auf Dith­marsch­er Boden sein.

Die Vokemannen – frühe Einwohner von Ostermoor?

Um 1300 wurde die Han­delss­chiff­fahrt auf der Elbe empfind­lich durch Seeräu­berei gestört. Einige der beteiligten Seeräu­ber stammten aus dem Kirch­spiel Bruns­büt­tel, wie die Verträge von 1286, 1308 und 1316 erken­nen lassen. Durch einen glück­lichen Karten­fund sind uns die alten Namen der Fluren in der Oster­moor­er Feld­mark bekan­nt gewor­den. Lip­pert (1962) ver­suchte, diese Flur­na­men den in den Urkun­den erwäh­n­ten Seeräu­ber-Geschlechtern zuzuord­nen. Beson­ders überzeu­gend gelang ihm dies im Falle der Voke­man­nen, denn auf ein­er Karten von 1728 ist östlich der noch heute vorhan­de­nen Oster­tweute eine Vack­men-Feld­mark verze­ich­net. Auf dieser befand sich – das sei neben­bei erwäh­nt – unser Bauern­hof.

Mas­siv gestützt wird die von Lip­pert (1962) vorgeschla­gene Veror­tung der Seeräu­ber in der Bauer­schaft Oster­moor durch einen bis­lang überse­henen Hin­weis, näm­lich den Namen eines der im Ver­trag von 1316 aufge­führten Seeräu­ber. Dieser hieß „Vos, Sohn des Scar­lak­en“ – der Land­streifen östlich der West­er­tweute wurde noch 1728 „Schar­lak­en-Feld­mark“ genan­nt!

Wie wir weit­er unten sehen wer­den, beze­ich­net auch die Boien-Chronik diese Gegend (genauer: das Queet) als den Ort, wo sich der Ahn­herr des Boien-Geschlechts, Harr oder Herr Vage, im Jahre 1208 ansiedelte. Er hieß also Vage, Sohn des Hard­er – so deute ich jeden­falls diesen Namen. Früher benamte man seine Kinder nach rel­a­tiv stren­gen Regeln. Als Namensliefer­an­ten dien­ten die Vor­fahren, weshalb sich deren Namen unter gün­sti­gen Umstän­den sehr lange in den Fam­i­lien hal­ten kon­nten. Lassen sich in den Archiv­en vielle­icht noch Namensspuren des Harr Vage find­en? Das Oster­moor­er Ack­er­schatzreg­is­ter von 1576 führt einen Hars Hans Wilck­en und einen Vagenn Szahr als Lan­deigen­tümer im Osten der Bauer­schaft auf, also zwei Män­ner, die in oder unweit der Vack­men-Feld­mark lebten. Bei­de sind wohl schon im Lan­dreg­is­ter von 1561 gelis­tet, dort als Hans Wilck­en und Vagens Kinder. Bei­de kön­nten wie der eben­falls im Lan­dreg­is­ter einge­tra­gene Vagens Karsten Nachkom­men des Ahn­her­rn des Boien-Clans sein.

Es deutet also einiges darauf hin, dass die Voke­man­nen in der Oster­moor­er Feld­mark lebten. Jedoch soll nicht ver­schwiegen wer­den, dass die Voke­man­nen auch in Zusam­men­hang mit dem noch heute existieren­den Ort Gro­den, der sich west­lich von Bruns­büt­tel an der Elbe befind­et, gebracht wur­den. Nach Klageschriften aus der ersten Hälfte des des 15. Jahrhun­derts, die Über­griffe von Seeräu­bern aus dem Kirch­spiel Bruns­büt­tel auf Ham­burg­er Schiffe betr­e­f­fen, gehörte das „vake­manns­l­ey­chte van de grode“ zu den Übeltätern (Boie, 1936a). Ver­ständlicher­weise set­zte der Autor Boie „grode“ mit dem Ort Gro­den gle­ich, zumal sich einige Ein­wohn­er des angren­zen­den Kirch­spiels Marne eben­falls als Seeräu­ber betätigten.

Auch ein Friedensver­trag von 1308 nen­nt „gro­den“ als Herkun­ft­sort von Seeräu­bern. In der zweit­en Aus­fer­ti­gung der Urkun­den wer­den einige Seeräu­bergeschlechter („amitze­man­ni, stuck­ene­den­man­ni, waneke­man­ni, toden­man­ni“) namentlich aufge­führt, die wie andere Seeräu­ber („ceteri“) in dem zuvor erwäh­n­ten „gro­den“ („de pre­dic­ta vil­la“) behei­matet sind. Natür­lich ist man auch hier ver­sucht, den heutige Dorf Gro­den bzw. einen weit­er südlich gele­ge­nen, später aus­gede­icht­en Vorgängerort mit dem „gro­den“ des Doku­ments gle­ich zu set­zen. Ander­er­seits ist wenig glaub­haft, dass all diese Seeräu­bergeschlechter aus einem einzi­gen winzi­gen Dorf stammten – vielmehr ist davon auszuge­hen, dass die Seeräu­ber ent­lang des gesamten Elbufers des Kirch­spiels siedel­ten.

Früher nan­nte man grünes Vor­land all­ge­mein „gro­den“ oder „groven“. Ein grode/grove, also grünes Vor­land, existierte eben­falls am Elbufer vor dem Oster­moor („dat man buthen vp vnser [= Dith­marsch­er] siden vann der Buten­dicks grouen henauer [= Groven hinüber] nha dem But­tell“ heißt es in einem Brief von 1563). In diesem Brief geht es übri­gens um die vor der Vack­men-Feld­mark bele­ge­nen Groven. Mit „van de grode“ und „gro­den“ kön­nte somit eben­so „die Groven vor dem Oster­moor“ gemeint gewe­sen sein.

In den oben zitierten Klageschriften wer­den zwei Vokes namentlich genan­nt, näm­lich Voke Hin­riks­son und Voke Willer – schon im Ver­trag von 1316 taucht ein Hen­ri­cus Voken­sone auf. Auch andere Seeräu­ber tru­gen typ­is­che Voke­man­nen- bzw. Boien-Namen wie Boye, Hard­er und Mancke, wobei diese Per­so­n­en allerd­ings nicht aus­drück­lich dem Geschlecht der Voke­man­nen zuge­ord­net wur­den. 1408 zogen Mancke, Voke Hin­riks­son und andere ein ges­tran­detes Ham­burg­er Schiff vol­lends auf das Ufer, um es dort zu plün­dern. Auch hier wieder­holen sich die Namen einiger alter Seeräu­ber aus den alten Urkun­den.

Die Doku­mente, die „gro­den“ als Herkun­ft­sort von Seeräu­bern all­ge­mein oder der Voke­man­nen speziell angeben, wider­sprechen also nicht der Vorstel­lung, dass die Voke­man­nen und andere Seeräu­ber-Geschlechter in der Oster­moor­er Feld­mark lebten. Vielmehr gibt es überzeu­gende Beweise dafür, dass „gro­den“ ein Sam­mel­be­griff für alle Groven im Kirch­spiel war und die Voke­man­nen zumin­d­est anfänglich im Osten der Oster­moor­er Groven (vielle­icht damals „Mars­grove“ – also Moor­groven – genan­nt, siehe Ver­trag von 1316) ansäs­sig waren. Let­zteres wird übri­gens von der Über­liefer­ung der Bruns­büt­telel­er Boien aus­drück­lich bestätigt. Da diese Fam­i­lie wie oben erwäh­nt aus den Voke­man­nen her­vor ging, kön­nte uns deren Chronik Ein­blicke in die mit­te­lal­ter­liche Geschichte Oster­moors liefern.

Die Familienchronik der Brunsbütteler Boien

Die Fam­i­lienchronik der Bruns­büt­tel­er Boien wurde vom Lan­des­gevollmächtigten Peter Boie, selb­st ein Bruns­büt­tel­er Boie, im Jahre 1664 fer­tig gestellt. Sie teilt uns zahlre­iche Details über die Umstände der Ein­wan­derung ihres Ahn­her­rn, des Her­rn Vage, an ander­er Stelle auch Harr Vage genan­nt, in Dith­marschen mit (aus Dahlmann, 1827, in Neo­corus, 1598, S. 502; siehe auch Boie und Boie, 1909, S. 2):

Dieser Herr Vage Boje ist bey Zeit­en des Hrn. Ertz=Bischof zu Bre­men Hard­wici des andern in Dith­marschen gekom­men, wie damahlen das Landt Dith­marschen nach Abster­ben Hert­zog Henri­ci des Lewen unter bemelten Ertz=Bischoff gewe­sen und ist umbs Jahr Christi 1208 dieser Herr Vage Boje, weil er des Hrn. Ertz=Bischoffs Diener gewe­sen, vom Hrn. Erz-Bischoff mit der Fehr über die Elbe belehnet wor­den, dazu hat ihm ein jech­lich­es Hauß aus dem Dorff Oster­mohr jährlich ein rauch Huhn geben müssen, und er hat gewohnet in dem Marsch=Kroge, so nun im Queet genen­net wird, woselb­sten der Zeit die Kirche ges­tanden. Nach­dem die Kirche wegge­brochen und das Kirch­spiel sich erweit­ert, sind seine Erben von dar weg, und bey der Kirchen Bruns­büt­tel gezo­gen, da sie denn noch bis dato wohnen. Die Fehr ist allezeit bei dem Geschlechte geblieben, bis nach Eroberung des Lan­des Ao. 1559 …

Das andere Priv­i­legium, wegen eines jech­lichen Haus­es von Oster­mohr ein Roeck=Hohn zu geben, ist also­fort noch bei des alten Herr Vagen Leben, weiln sich Dith­marschen nach Abster­ben des Hr. Ertz=Bischoffs, so Ao. 1213 geschehen, unter die Kirche Schleswig begeben, und also keinen gewis­sen Her­rn gehabt, in etwas gefall­en, gle­ich­wohl so lange der Alte gele­bet, geben müssen, her­nach­er aber, weiln sie die Dith­marschen nach völ­liger Frey­heit getra­chtet, auch bey der Schlacht Ao. 1226 völ­lig erlanget und keinen Her­rn gehabt, auch der alte Herr Vage sich mit seinen Kindern völ­lig im Lande begeben, haben sie das Priv­i­legium fall­en lassen, und ist er und seine Nachkom­men in Dith­marschen geblieben, son­sten ist er aus dem Erzs­tifft Bre­men gebür­tig gewe­sen, aus Landt Wursten.“

Peter Boie gibt diese Ahnen­rei­he an: Harr Vake (dies­mal nicht „Herr Vake“ geschrieben, wirk­lich nur ein Zufall? – mehr dazu unten), Boie (um 1226), Hard­er, Boie, Hard­er, Mar­cus, Hard­er, Boie, Mar­cus. Über let­zteren heißt es:

Mar­cus Boye hat gele­bet im Jahre 1500, wie König Johannes aus Däne­mark in Dith­marschen geschla­gen. Damahls ist seine Wohn­stätte gewe­sen, wo meines seel. Vaters Hauß (welch­es nun­mehr aus­gete­ichet) ges­tanden. Sie war umgeben mit einem großen Wasser­graben und hat er kleine Fall­conet­ten darauf gehabt, daß er Partheyen, welche im Lande gestreif­fet, hat abhal­ten kön­nen.“ (Boie und Boie, 1909, S. 12).

Für einen ehe­ma­li­gen Oster­moor­er wie mich ist natür­lich von beson­derem Inter­esse, dass ein Friese namens Harr Vage sich um 1208 in der Oster­moor­er Feld­mark ange­siedelt haben soll und von den Oster­moor­ern alljährlich ein „Rauch­huhn“ erhielt sowie eine Elbfähre betrieb. Zudem soll es in der Oster­moor­er Feld­mark sog­ar eine „Kirche“ gegeben haben.

Die Fam­i­lienchronik der Bruns­büt­tel­er Boien ist zweifel­los ein beein­druck­endes Doku­ment. Aber ist diese Nieder­schrift wirk­lich glaub­würdig? Das soll im Fol­gen­den unter­sucht wer­den.

Das Jahr der Einwanderung

Das ange­bliche Jahr der Ein­wan­derung des Harr Vage (1208) befind­et sich schon deshalb auf schwank­en­dem Grunde, weil „Hartwig der Andere“, also Hartwig II., nur bis zum 3. Novem­ber 1207 lebte. In der Chronik jedoch wird 1213 als Todes­jahr Hartwigs angenom­men und behauptet, dass der Herr Vage fünf Jahre vor dem Tode Hartwigs nach Dith­marschen gekom­men sei. Wenn let­zteres zuträfe, wäre Herr/Harr Vage im Jahre 1202 und nicht erst im Jahre 1208 nach Dith­marschen über­ge­siedelt. Dith­marschen befand sich 1202 allerd­ings unter der Herrschaft des dänis­chen Königs Knut VI., dem noch in dem­sel­ben Jahr Walde­mar II. fol­gte. Die Frage ist nun, ob die dama­lige poli­tis­che Kon­stel­la­tion eine Ansied­lung von friesis­chen Kolonis­ten in Dith­marschen über­haupt zuließ und diese die erwäh­n­ten Priv­i­legien vom Erzbischof von Bre­men erhal­ten kon­nten.

Die Beziehun­gen Dith­marschens zum Erzbis­tum Bre­men in den Jahren um 1200 herum sind kom­pliziert und zumin­d­est für mich als Laien etwas undurch­sichtig, vielle­icht auch nicht völ­lig erforscht. Glück­licher­weise wird diese bewegte Zeit in mehreren pop­ulären Werken zur Dith­marsch­er Geschichte rel­a­tiv aus­führlich abge­han­delt wird (Bolten, 1782; Dahlmann, 1827, in Neo­corus, 1598; Hanssen und Wolf, 1833; Kol­ster, 1873; Chaly­baeus, 1888).

Nach der Ermor­dung des Grafen Rudolf II. von Stade durch die Dith­marsch­er im Jahre 1144 fiel Dith­marschen zunächst an dessen Brud­er Hartwig (* 1118; † 1168), der sein gesamtes Erbe dem Erzbis­tum Bre­men ver­ma­chte, es jedoch im Gegen­zug als lebenslanges Lehen zurück erhielt und 1148 als Hartwig I. zum Erzbischof von Bre­men gewählt wurde.

Dith­marschen wurde aber als­bald vom mächti­gen Her­zog Hein­rich der Löwe († 6.8.1195) in Besitz genom­men. Dieser wurde jedoch 1180 mit ein­er Reich­sacht belegt. Nach­dem Hein­rich sämtliche pri­vat­en Güter und die Reich­sle­hen ent­zo­gen wor­den waren, gelang es dem dama­li­gen Erzbischof von Bre­men Siegfried I. (* 1132; † 1184), vom Kaiser Friedrich I. einen Lehns­brief für Dith­marschen zu erwer­ben. Jedoch machte Graf Adolf III. von Schauen­burg und Hol­stein (* 1160; † 1225) 1182 erfol­gre­ich Ansprüche auf Dith­marschen gel­tend, gab es aber nur zwei Jahre später (1184) wieder an den Erzbischof zurück, offen­bar weil seine Forderun­gen zu wenig fundiert waren.

Als Reak­tion auf dro­hende hohe Abgaben an das notorisch finanzschwache Erzbis­tum Bre­men erhoben sich die Dith­marsch­er 1187 gegen den Bre­mer Erzbischof (seit 1184 Hartwig II.) und schlossen sich wohl 1188 dem Bis­tum Schleswig an. Diesem stand der ver­mö­gende Bischof Walde­mar (* 1157/58; † 1235/36), ein dänis­ch­er Prinz, vor. Wahrschein­lich auch in der Hoff­nung, so Dith­marschen für das Bremis­che Erzbis­tum zurück­zugewin­nen, wurde Bischof Walde­mar 1192 anstelle des kurz zuvor abge­set­zten Hartwig II. zum Erzbischof von Bre­men gewählt. Let­zter­er war näm­lich so unvor­sichtig gewe­sen, den aus der Ver­ban­nung zurück­gekehrten Hein­rich den Löwen in Stade aufzunehmen (1189) und bei dessen Unternehmungen zu unter­stützen. Infolgedessen fiel er 1191 beim neuen Kaiser Hein­rich VI. in Ung­nade und wurde geächtet.

Der frisch gewählte Erzbischof Walde­mar trat sein neues Amt jedoch nie an, denn er wurde am 8. Juni 1192 im Auf­trage des schleswigschen Her­zogs Walde­mar wegen sein­er Ansprüche auf die dänis­che Kro­ne fest­ge­set­zt und bis 1206 gefan­gen gehal­ten. Im Auf­trage des deutschen Kaisers eroberte der inzwis­chen von einem Kreuz­zug heimgekehrte Adolf III. Dith­marschen für das Bre­mer Erzs­tift zurück. Dafür erhielt er von Hartwig II., der wieder in sein altes Amt einge­set­zt wor­den war, im Jahre 1195 (Bestä­ti­gung durch Kaiser Hein­rich VI. am 25. Okto­ber) die Graf­schaft Stade mit Dith­marschen zum Lehen, musste aber dem Erzbis­tum Bre­men aber 2/3 der Einkün­fte aus diesen Ter­ri­to­rien über­lassen.

Da der reg­uläre schleswigsche Bischof Walde­mar in Haft saß, meldete der dänis­che König Knut VI. (* 1162/63; † 1202) Ansprüche auf das zuvor für einige Jahre zum Bis­tum Schleswig gehörende Dith­marschen an und entriss Adolf III. Dith­marschen im Jahre 1200. Als Reak­tion darauf fie­len Adolf III. und sein Bun­desgenossen Adolf von Das­sel 1201 in Dith­marschen ein und ver­wüsteten das Land schw­er. Noch in dem­sel­ben Jahr schlug der Dänenkönig Adolf III. in der Schlacht bei Stel­lau (in der Nähe von Wrist). Nach sein­er Gefan­gen­nahme durch Her­zog Walde­mar in der Nähe Ham­burgs und län­ger­er Haft verzichtete Adolf III. im Jahre 1203 auf seine hol­steinis­chen Besitzun­gen.

Am 11. Novem­ber 1202 starb Knut VI. ohne Nachkom­men; die Königswürde fiel dessen jün­gerem Brud­er Walde­mar II. (* 1170; † 1241), dem Her­zog von Schleswig, zu. 1203 wurde Dith­marschen for­mal von der Graf­schaft Stade getren­nt, 1214 sog­ar vom Deutschen Reich. 1217 kaufte Walde­mar II. Län­dereien des Erzbis­tums Bre­men in Dith­marschen auf und kappte dadurch die let­zten noch verbliebe­nen weltlichen Beziehun­gen Dith­marschens zum Deutschen Reich. Jedoch war die dänis­che Herrschaft nicht von Dauer. Walde­mar II. wurde im Mai 1223 auf einem Jag­daus­flug gefan­gengenom­men, nach Schw­erin ver­bracht und dort in Ket­ten gelegt. 1225 wurde er wieder aus der Haft ent­lassen, nach­dem er unter Eid ver­sprochen hat­te, seine ehe­mals zum Deutschen Reich gehören­den nordel­bis­chen Besitzun­gen aufzugeben. Jedoch ent­band ihn der Papst 1226 von diesem erzwun­genem Eid. Während Walde­mars Haftzeit waren die Dänen bere­its bis zur Eider zurückge­drängt wor­den, und mit der Schlacht von Born­höved am 22. Juli 1227 fand die Herrschaft Walde­mars II. über Nordel­bin­gen ihr defin­i­tives Ende, und Dith­marschen gelangte wieder in den Besitz des Erzbis­tums Bre­men. Peter Boie ver­legt dieses für Dith­marschen so wichtige Ereig­nis – wie übri­gens auch Neo­corus (1598, dort S. 288) – fälschlicher­weise in das Jahr 1226 („Schlacht Ao. 1226“).

Während die weltliche Macht über Dith­marschen im Jahre 1200 auf den dänis­chen König überg­ing, scheinen die kirch­lichen Angele­gen­heit­en zumin­d­est bis 1223 weit­er von Bre­men aus geregelt wor­den zu sein. Im Jahre 1223 schlossen der Erzbischof von Bre­men und der Dom­pro­b­st in Ham­burg näm­lich einen Ver­gle­ich, dem zufolge der Dom­pro­b­st „geistlich­er Herr erster Instanz“ über ganz Nordel­bi­en wurde. Selb­st nach der Schlacht von Born­höved (1227), als Dith­marschen wieder unter Bre­men kam, übte das Erzbis­tum nur die weltliche Macht aus (Kol­ster, 1873, S. 59). Peter Boie irrte also, als er behauptete, dass die Dith­marsch­er sich nach dem Tode Hartwigs II. „unter die Kirche Schleswig begeben“ hät­ten. Dies geschah bere­its einige Jahre früher, näm­lich schon Ende der 1180er Jahre.

An dieser Stelle müssen wir lei­der kon­sta­tieren, dass keines der in der Boien-Chronik aufge­führten geschichtlichen Details ein­er kri­tis­chen Prü­fung stand­hält. Ander­er­seits aber befan­den sich laut Dahlmann (1827, in Neo­corus, 1598, S. 503) der Erzbischof von Bre­men Hartwig II. und sein Lehns­mann Graf Adolf III. von Schauen­burg und Hol­stein von 1195 bis 1200 in „ruhigem Besitze von Dith­marschen“.

Dem Chro­nis­ten Neo­corus (1598, S. 288) war sehr wohl bekan­nt, dass Dith­marschen sich einst unter das Bis­tum Schleswig begeben hat­te. Die Dith­marsch­er seien – so Neo­corus – dabei nicht Unter­ta­nen des Bischofs und der dänis­chen Kro­ne, son­dern vielmehr „nicht … gantz sine Under­dah­nen, son­der Bun­des­genat­en gewe­sen“ gewe­sen. Diese poli­tis­che Kon­stel­la­tion soll laut Neo­corus bis zur Schlacht von Born­höved (1227) fortbe­standen haben. Auch Bolten (1782, S. 209) unter­lag noch diesem Irrtum, als er ver­mutete, dass der dänis­che König Knut VI. die bis­chöflichen Besitzun­gen, darunter Dith­marschen, nach der Inhaftierung des Bischofs Walde­mar (1192) ein­zog und Dith­marschen bis 1227 nicht wieder her­gab (siehe S. 212). Für einen im Jahre 1664 leben­den Erfind­er ein­er Fam­i­liengeschichte wäre es daher recht mutig gewe­sen, die Ansied­lung des Harr Vage ger­ade für diese Phase der Geschichte anzunehmen und ent­ge­gen der Auf­fas­sung bedeu­ten­der ein­heimis­ch­er Chro­nis­ten wie Neo­corus zu behaupten, dass Dith­marschen nach dem Tod Hein­rich des Löwen (1195) unter der Herrschaft des Bre­mer Erzbischofs Hartwig II. stand: „wie damahlen das Landt Dith­marschen nach Abster­ben Hert­zog Henri­ci des Lewen unter bemelten Ertz=Bischoff gewe­sen.

Die Erwäh­nung des Todes von Hein­rich dem Löwen weist auf die Zeit kurz nach 1195 hin. Wenn der Erzbischof von Bre­men nach der Ablö­sung von Graf Adolf III. durch König Knut VI. weit­er­hin als geistlich­es Ober­haupt von Dith­marschen fungierte, wie der Ver­gle­ich zwis­chen dem Erzbischof in Bre­men und dem Dom­pro­pst in Ham­burg vom Jahre 1223 ver­muten lässt, und deshalb auch weit­er­hin gewisse Priv­i­legien gewähren durfte, dann kön­nte sich Harr Vage als Gefol­gs­mann des Erzbischofs Hartwig II. – in Ein­klang mit den Angaben von Peter Boie – 1202, also fünf Jahre vor Hartwigs Tod, oder sog­ar später in Dith­marschen ange­siedelt haben.

Ansiedlung des Harr Vage im Queet

Das Queet befand sich sicher­lich in der Nähe der längst unterge­gan­genen, aber his­torisch bezeugten Quit­slippe (auch „Quedt­slyp­pen“ geschrieben). Darauf deutet nicht nur die Ähn­lichkeit der Namen hin, son­dern auch die Tat­sache, dass aus­gerech­net die Oster­moor­er dem Harr Vage trib­utpflichtig gewe­sen sein sollen. Inter­es­san­ter­weise wurde die Flur östlich der Oster­tweute, die sich unweit der unterge­gan­genen Quit­slippe befind­et, noch um 1600 „Vack­men-Feld­mark“ genan­nt, wie eine von W.H. Lip­pert (1962) geze­ich­nete Karte erken­nen lässt.

Auf den ersten Blick scheint let­zteres ein ganz starkes Argu­ment für die Glaub­würdigkeit der Boien-Chronik zu sein. Allerd­ings dürfte deren Ver­fass­er die Exis­tenz und Lage der Vack­men-Feld­mark sehr wohl bekan­nt gewe­sen sein, was ihn hätte dazu ver­leit­en kön­nen, den Ahn­her­rn des Vake­man­nen-Geschlecht wegen der Namen­sähn­lichkeit hier anzusiedeln.

Die Privilegien

Laut Chronik musste pro Rauch, also pro Kochstelle, ein Rauch­huhn abgeliefert wer­den. Diese Form der Abgabe entsprach den bremis­chen Gepflo­gen­heit­en (Dahlmann, 1827, in Neo­corus, 1598, S. 503). Die leg­endäre Geschichte mit dem Rauch­huhn kön­nte also wahr sein, jedoch waren Rauch­hüh­n­er dur­chaus nicht auf das Bremis­che beschränkt.

Die Frage ist, welche Gegen­leis­tung Harr Vage für das Rauch­huhn zu erbrin­gen hat­te. Musste er vielle­icht den Bau von Deichen und Entwässerungs­gräben organ­isieren und erhielt dafür im Gegen­zug einen Streifen des nun eingede­icht­en Lan­des?

Lei­der wis­sen wir nicht, wann die Oster­moor­er Feld­mark erst­mals eingede­icht wurde. Das Fehlen eines Deichs zwis­chen Dith­marschen und der Wilster­marsch im späten Mit­te­lal­ter kann vielle­icht als Indiz dafür inter­pretiert wer­den, dass der erste Deich nach 1227 errichtet wurde, also nach­dem die weltliche Herrschaft über die Wilster­marsch und Dith­marschen nicht mehr in ein­er Hand lag. Ein durchgängiger Elb­de­ich war nicht im Inter­esse des Dith­marsch­er Freis­taats, denn er wäre für aus dem Hol­steinis­chen angreifende Inva­soren ein vorzüglich­es Ein­fall­stor nach Dith­marschen gewe­sen.

Die Fähr-Priv­i­leg befand sich dem Chro­nis­ten Peter Boie zufolge noch bis 1559 im Besitz der Fam­i­lie. Eine Elbfähre bestand wirk­lich, ihre älteste Beurkun­dung stammt aus dem Jahr 1560 (Boie, 1936b, S. 86). Trotz inten­siv­en, jahrzehn­te­lan­gen Suchens in den in Frage kom­menden Archiv­en kon­nten jedoch keine Unter­la­gen gefun­den wer­den, welche die Exis­tenz eines Fährlehens im Mit­te­lal­ter beweist — wahrschein­lich gin­gen die betr­e­f­fend­en Urkun­den wie die meis­ten mit­te­lal­ter­lichen Schrift­stücke irgend­wann ver­loren. Allerd­ings soll der Betrieb der Elb- und Eider­fähren sowie der Fähre zur heure­ichen Insel Tötel (vor Büsum) zu den alten erzbis­chöflichen Recht­en gehört haben (Dahlmann, 1827, in Neo­corus, S. 597).

Laut Boie (1936b) war die wirtschaftliche Bedeu­tung der Fähre wegen der beschränk­ten Beziehun­gen zwis­chen links- und recht­seit­i­gen Ufer­be­wohn­ern stets sehr begren­zt. Darauf deute — so Boie — auch das Fehlen von wichti­gen Straßen nach Bruns­büt­tel im Mit­te­lal­ter hin, außer­dem hät­ten Hol­sten­graben und Kudensee den Ort von der Wilster­marsch abgeschnit­ten. Wahrschein­lich irrt der Autor, wenn er den tren­nen­den Charak­ter von Strö­men, Flüssen und Bächen so sehr betont. Denn fast bis in die Gegen­wart hinein waren die Wege in der Marsch kaum passier­bar. Der Trans­port von Gütern und Men­schen erfol­gte, wenn irgend möglich, über Wasser­wege. In dieser Hin­sicht dürfte neben der Elbe das Edde­lak­er Fleet eine gewisse Rolle gespielt haben, über das die Geest und große Teile der Süder­marsch, auch das bis 1217 klöster­liche Gut Wet­tern­wall, rel­a­tiv bequem erre­icht wer­den kon­nten. In diesem Zusam­men­hang mag man sich allerd­ings fra­gen, wieso ger­ade das abgele­gene Oster­moor ange­blich eine Fährstelle besessen haben soll.

Boie (1936b) nen­nt Neuhaus an der Oste als ein möglich­es Ziel der Fähre am anderen Elbufer. Der Chronik zufolge hat­te sich Harr Vage jedoch im Queet – und nicht im Ort Bruns­büt­tel oder an der Mün­dung des Edde­lak­er Fleets — ange­siedelt, was den Ziel­hafen Neuhaus als eher unwahrschein­lich erscheinen lässt. In Krum­mende­ich, das Oster­moor direkt gegenüber liegt, find­et man eine Straße mit dem Namen „Wege­fährels“ – legte die Fähre etwa irgend­wo hier an?

Erwäh­nt wer­den soll noch ein bis­lang überse­hen­des Indiz für die Exis­tenz ein­er Elbfähre im Mit­te­lal­ter: In den Verträ­gen von 1308 und 1316 wird ein Johan(nes) Pram als Ein­wohn­er des Kirch­spiels Bruns­büt­tel aufge­führt. Das Wort Prahm war schon im Mit­tel­hochdeutschen bekan­nt und beze­ich­nete ursprünglich eine flache Fähre mit schnit­tigem Rumpf. Dieser Johan(nes) Pram war offen­bar ein­er der Fährleute. Er gehörte allerd­ings nicht dem Geschlecht der Voke­man­nen, son­dern dem der Amitze­man­nen an.

Besaßen möglicher­weise damals die Amitze­man­nen und nicht die Voke­man­nen das Fähr-Priv­i­leg? Wurde es erst vielle­icht erst später von den Vokemannen/Boien über­nom­men? War dies der Grund für die Umsied­lung der Voke­man­nen nach West­en? Die Amitze­man­nen siedel­ten nach Ansicht von Lip­pert (1962) auf ein­er Flur nahe dem östlichen Ufer der Ein­mün­dung des Edde­lak­er Fleets in die Elbe. Dieser Stan­dort war für eine Fährstelle meines Eracht­ens weit bess­er geeignet als das abseits gele­gene Queet. Aber vielle­icht nutzten die Voke­man­nen den später so genan­nten „Hafen der Oster­moor­leute“, die Mün­dung eines Fleets zwis­chen den Bauer­schaften Oster­moor und Olde­bur­wör­den, das früher vielle­icht mit dem Edde­lak­er Fleet ver­bun­den war.

Herkunft aus dem Land Wursten

Der Über­liefer­ung nach war Harr Vage Friese und stammte aus dem Land Wursten. Die friesis­che Herkun­ft wird von den Fam­i­lien­wap­pen der Boien unter­mauert.

Das Fam­i­lien­wap­pen der Bruns­büt­tel­er Boien¹ wird von Neo­corus (1598, S. 217) so beschrieben:

Ein schwart Adel­er im wit­ten Velde unnd dre Garstenko­rne im blawen Velde“.

Die Ger­stenkörn­er stellen allerd­ings wohl Bojen und keine Ger­stenkörn­er dar. Man kön­nte nun ver­muten, dass die Bojen die von den Boien betriebene Elbfähre sym­bol­isieren sollen. Jedoch richteten sich die für die Wap­pen ver­wen­de­ten Sym­bole nach dem Fam­i­li­en­na­men und nicht umgekehrt. Wenn einige der Voke­man­nen zum Beispiel um 1550 den Fam­i­li­en­na­men Boie annah­men, dann kön­nen die drei Bojen dem­nach früh­estens in dieser Zeit in das Wap­pen gelangt sein.

Schon im Ver­trag von 1316 wird ein „petrus fil­ius albi voko­nis“ (Peter, Sohn des Weißen Voke) als Zeuge aufge­führt (Michelsen, 1834, S. 12). Über das Wap­pen der „Weißen Vak­en“ schreibt Neo­corus (1598, S. 217):

Witte Vakem, noch 1 schwart Arntt unnd 1 witt Kam­radt — - — - iß frombd“.

Let­ztere Aus­sage ist für uns natür­lich außeror­dentlich inter­es­sant, denn sie deutet auf eine außerdith­mar­sis­che Herkun­ft hin. Der „Arntt“ ist ein Adler, bei dem „Kamm­rad“ han­delt es sich vielle­icht um einen Rosenkranz. Der Land­vogt Dr. Chris­t­ian Boie führte sowohl die drei Bojen der Bruns­büt­tel­er

Boien als auch den Rosenkranz (der Weißen Vak­en?) in seinem Wap­pen, was auf eine ver­wandtschaftliche Beziehung der bei­den Geschlechter deutet. Im Lande Wursten schmückt der halbe schwarze Adler das Wap­pen zahlre­ich­er Bauern­fam­i­lien, und man find­et ihn auch im Wap­pen einiger Ortschaften wie Dorum. Das war schon Boie und Boie (1909, dort S. 10) aufge­fall­en.

Wap­pen von Michael Boie
Pas­tor in Wilster (* 1559; † 1626)
(aus Boie und Boie, 1909)
Wap­pen des Dr. Chris­t­ian Boie
Land­vogt in Mel­dorf (um 1560)
(aus Michelsen, 1834)
Wap­pen der Stadt Dorum

Das Recht der Friesen, dieses Motiv im Wap­pen zu ver­wen­den, soll auf Kaiser Bar­barossa zurück gehen. Der Leg­ende nach dien­ten Friesen in der Leib­wache des Kaisers. Während seines Kreuzuges sollen diese in Rom einen Anschlag auf ihn vere­it­elt haben. Als Beloh­nung gewährte Bar­barossa ihnen das Recht, den schwarzen Adler im Wap­pen zu führen (Iba und Gräf­ing-Refin­ger, 1999) – das müsste 1190 gewe­sen sein. Das wäre dann ger­ade noch früh genug für friesis­che Auswan­der­er, um den hal­ben Adler nach Dith­marschen mitzunehmen. Es ist natür­lich aber auch möglich, dass die Erin­nerung an die friesis­che Herkun­ft bei den Nachkom­men des Harr Vage lange wach blieb und der halbe Adler erst sehr spät in das Wap­pen gelangte.

Die friesis­che Herkun­ft der Vokemannen/Boien wurde wohl kaum vom Ver­fass­er der Fam­i­lienchronik erfun­den, denn das Wap­pen mit dem hal­ben schwarzen Adler existierte nach­weis­lich schon weit vor 1664. Allerd­ings kön­nen wir nicht auss­chließen, dass der im Wap­pen bere­its vorhan­dene schwarze halbe Adler im Nach­hinein als Indiz für die friesis­che Herkun­ft inter­pretiert wurde. Jedoch fragt man sich, weshalb ein führen­des dith­marsch­er Geschlecht sich aus­gerech­net von Ein­wan­der­ern aus dem Land Wursten ableit­ete, wo es für geschicht­sklit­ternde Chro­nis­ten doch weitaus nahe­liegen­der — weil ehren­voller – gewe­sen wäre, eine urdith­marsch­er Herkun­ft zu kol­portieren.

Erwäh­nt wer­den sollte noch, dass es sich bei Vake/Voke um einen friesis­chen Name han­delt. Das in Verbindung mit Vake/Vage gebrauchte Herr wurde ver­schiedentlich als Per­so­nen­na­men – und nicht als Titel – gedeutet. Nach Boie (1936a) kön­nte sich „Herr“ von den eben­falls friesis­chen Namen Har, Hare oder Her ableit­en. Diese Vorstel­lung find­et sich schon bei Bolten (1782, S. 312), der die For­mulierung „Harre Vacke oder Vage“ benutzt.

Kirche und Erweiterung des Kirchspiels

Von ein­er Kirche oder Kapelle in der Oster­moor­er Feld­mark ist uns lei­der nichts bekan­nt, jedoch mag in der Nähe der Fährstelle ein Sakral­bau, vielle­icht eine kleine Kapelle, bestanden haben. In der Tat hat sich das Kirch­spiel erweit­ert, wie Peter Boie meint — dies geschah ver­mut­lich um 1350, als das Gebi­et südlich von Kat­tre­pel (Wes­t­er­diek) eingede­icht wurde.

Die Ahnenreihe und der Boien-Hof

Stoob (1959, S. 248) monierte, dass die von Peter Boie aufge­führten spät­mit­te­lal­ter­lichen Vokemannen/Boien in unab­hängi­gen Doku­menten nicht nach­weis­bar seien. Hansen ging nach Stoob sog­ar so weit, die Ahnen­rei­he der Boien als „wahrschein­lich ganz erfun­den“ zu beze­ich­nen. Zur Über­prü­fung dieser Aus­sage seien die Verträge von 1308 und 1316 herange­zo­gen. Wenn die von Peter Boie aufgestellte Stammtafel kor­rekt ist, müssten ein „Boie“ oder – wahrschein­lich­er – ein „Hard­er“ als Vertreter der Voke­man­nen auf­tauchen. In der Tat wer­den dort jew­eils ein Bojo und ein Herder verze­ich­net, jedoch tra­gen deren Väter (Friedrich und Hen­ri­cus Voken­sone) Namen, die mit denen in der Stammtafel unverträglich sind. Natür­lich kön­nen wir nicht auss­chließen, dass die gesucht­en Boie oder Hard­er dem Ver­tragss­chluss aus irgendwelchen Grün­den gar nicht nicht bei­wohn­ten.

Stoob (1959, S. 249) hält sog­ar die rel­a­tiv junge Über­liefer­ung des mit Kanonen bewaffneten Hofs für „roman­tis­che Phan­tasie“, weil diese ihn an die der Wes­sel­bu­ren­er Vogde­man­nen­höfe erin­nert. Selb­st die Einord­nung des Refor­ma­tors Nico­laus Boie in den Stamm­baum wird von Stoob ange­grif­f­en (S. 250).

Fazit

In die Boien-Chronik mögen über Gen­er­a­tio­nen tradierte Irrtümer einge­flossen sein, weit­ere wur­den vielle­icht vom Autor oder von dessen zeit­genös­sis­chem Umfeld leicht­fer­tig oder sog­ar absichtlich hinzuge­fügt. Kaum ein von uns über­prüf­bares Detail hält ein­er kri­tis­chen Über­prü­fung stand, und es sind daher generelle Zweifel an der Ver­lässlichkeit der Boien-Chronik ange­bracht. Ander­er­seits mag ihr ein wahrer Kern innewohnen.

Und so könnte es wirklich gewesen sein …

Zwis­chen 1195 und 1200 bestanden zwis­chen Dith­marschen sowie dem Land Wursten engere poli­tis­che Beziehun­gen, weil der Erzbischof von Bre­men geistlich­es Ober­haupt bei­der Land­schaften war, und im Falle Dith­marschens bestand sog­ar eine Lehn­shoheit des Bre­mer Erzs­tifts. Der Wurst­friese Harr Vage erhielt als „Diener des Her­rn Erzbischofs“ die Gele­gen­heit, sich auf dem wahrschein­lich noch unbe­de­icht­en Elbufer vor dem Wüsten Moor anzusiedeln. Er erhielt dieser neben einem Streifen Land (später „Vack­men-Feld­mark“ genan­nt) vom Erzbischof die Erlaub­nis eine Elbfähre zu betreiben. Fern­er wurde ihm das Rauch­huhn-Priv­i­leg über­tra­gen.

Die Erben des Harr Vage, das Geschlecht der „Voke­man­nen“, wandten sich Ende des 13. Jahrhun­derts jedoch der See- und Stran­dräu­berei zu. Dies geschah, weil die Han­delss­chiff­fahrt auf der Elbe enorm zugenom­men (offizielles Grün­dungs­jahr des Ham­burg­er Hafens 1189) und sich Dith­marschen nach der Schlacht von Born­höved im Jahre 1227 unter der lock­eren Herrschaft des Erzbischofs von Bre­men zu einem nahezu sou­verä­nen Staat ohne nen­nenswerte Zen­tral­ge­walt entwick­elt hat­te. Infolge von poli­tis­chen Verän­derun­gen, vielle­icht aber auch wegen Ver­lan­dung oder Ero­sion der zuvor genutzten Anlegestellen, ver­lagerten sich die Waren- und Per­so­n­en­ströme, und die Inhab­er des Fähr-Priv­i­legs ver­legten die Fährstelle nach West­en. Wann dies geschah, bleibt vor­erst unklar.


Lit­er­atur

  • Boie K. (1936a): Zur Vorgeschichte der „Bruns­büt­tel­er Boien“ in Dith­marschen. Dith­marschen. Blät­ter der Heimat­gestal­tung 12, 74–84.
  • Boie R. (1936b): Geschichte der Elbfähre bei Bruns­büt­tel, akten­mäßig gese­hen. Dith­marschen. Blät­ter der Heimat­gestal­tung 12, 85–99.
  • Boie K. und R. Boie (1909): Die Fam­i­lie Boie. Bruns­büt­tel­er Lin­ie. Z. Ges. Schlesw.-Holst. Gesch. 39, 1–135.
  • Bolten J.A. (1782): Dit­mar­sis­che Geschichte. Zweyter Theil. Kor­tens Buch­hand­lung. Reprint Ver­lag Schus­ter, Leer, 1979, 499 Seit­en.
  • Bolten J.A. (1784): Dit­mar­sis­che Geschichte. Drit­ter Theil. Kor­tens Buch­hand­lung. Reprint Ver­lag Schus­ter, Leer, 1979, 427 Seit­en.
  • Chaly­baeus R. (1888): Geschichte Dith­marschens. Ver­lag Lip­sius und Tis­ch­er. Unverän­dert­er Nach­druck Ver­lag Schus­ter, Leer 1973, 329 Seit­en.
  • Hanssen J. und H. Wolf (1833): Chronik des Lan­des Dith­marschen. Lang­hoff­sche Buch­druck­erei, Ham­burg, 515 Seit­en.
  • Iba I.M. und H. Gräf­ing-Refin­ger (1999): Hake Betken siene Duven: Das grosse Sagen­buch aus dem Land an Elb- und Weser­mün­dung. Ver­lag Män­ner vom Mor­gen­stern, 3. Aufl., 314 Seit­en.
    Kleine-Weischede K. (1993): Über das Wirken der Boies aus Bruns­büt­tel vor 1674. Bruns­büt­tel­er Spuren. Beiträge zur Heimat­geschichte VIII, 76–88.
  • Lip­pert W.H. (1962): Anhang zum Artikel „Bruns­büt­telkoog“ von John Jacob­sen. Dith­marschen 2, 42–44.
  • Michelsen A.L.J. (1834): Urkun­den­buch zur Geschichte des Lan­des Dith­marschen. Reprint Sci­en­tia Ver­lag, 1969, 414 Seit­en.
  • Neo­corus (1598): Dith­mer­sche His­torische Geschichte. 1. Band. Hrsg. F.C. Dahlmann, 1827. Ver­lag Hei­der Anzeiger, 1904, 584 Seit­en.
  • Stoob H. (1959): Geschichte Dith­marschens im Regen­ten­zeital­ter. Boyens, Hei­de, 451 Seit­en.

Redak­tionelle Anmerkung
¹ [21.4.2013] Der ursprünglich von Boy geset­zte Link war nicht mehr erre­ich­bar. Die Domain mein-brunsbuettel.de existiert nicht mehr.
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