Bäuerliche Dichtkunst 1767: Hans Boie

Catha­ri­na Peters (1781 – 1830) aus Ostermoor/Brunsbüttelkoog heiratete im Jahre 1797 mit nur 15 Jahren den damals im Bruns­büt­telkoog wohn­haften Peter Boie, Sohn des Hans Boie aus dem Geschlecht der Oster­moor­er Boien. Diese Ehe blieb kinder­los und endete mit dem Tod des Ehe­manns (1812).

Die Witwe ver­heiratete sich mit dem Brud­er des ersten Ehe­manns Wilken Boie (1786 – 1833). Dieser Ehe entsprossen drei Kinder. Um zir­ka 1820 über­mit­telte Wilken Boie sein­er Gemahlin seine Neu­jahr­swün­sche in Form eines →Gedichts.

Sein Vater Hans hat­te sich bere­its im Jahre 1767 dich­ter­isch betätigt, als er mit einem Vor­trag vor seinem zukün­fti­gen Schwiegervater Claus Hin­richs (1720 – 1786) in der Lehe um die Hand von dessen Tochter Mag­dale­na (1748 – 1820) anhielt:

Brautwerbungsvortrag von Hans Boie im Jahre 1767

Zu Ver­hof­fend­er Ins­beson­ders Hochgeehrter Herr Vat­ter von mir auskohrne Tugendt Begabte Hertz Aller­lieb­ste. Er wolle sich nicht ent­ge­gen sein lassen, wenn ich mich unternehmen darf, Ihm geehrtest vorzustellen die Worte: es ist nicht gut. daß der Men­sch allein sei, son­dern es ist bess­er eine Gehülfin [zu] haben. Dieses hat Gott gere­det, weil er an der Ein­samkeit keinen Gefall­en hat­te, und darum hat er zwei zusam­menge­fügt, damit wenn ein­er fällt, der andere ihm möchte ihm zu Dien­sten ste­hen; und Paulus ist dieses ein­stim­mig, wenn er zum Ausspruche set­zet:

Es ist nüt­zlich, es ist bess­er zu freyen als ein­sam zu leben. Weil aber dieses nicht allein ein men­schlich­es Werk, son­dern ein Werk des Her­rn ist, wie jen­er Hauslehrer saget: Haus und Güter ererbet man von den Eltern, aber eine vernün­ftige Ehe­frau kömmt vom Her­rn, Diesem nach so habe ich unter Andern zu dem Stifter des heili­gen Ehe­s­tandes geseufzet, daß er mich an den Ort ver­fü­gen wollte, wo ich eine vernün­ftige und tugend­be­gabte Per­son antr­e­f­fen möchte, ver­hoffe auch, daß Gott mein Gebet in Gnaden erhöret und mich an diesen Ort gekom­men lassen.

Warum ich all­hi­er erscheine, und was ich ver­lange, sind nicht unmögliche Dinge, nicht Schätze und Kleinöde, son­dern mit der viel Ehr und Tugend reichen Jungfer Mag­dale­na Hin­richs, meine im Herzen auserkohrene Aller­lieb­ste, und der­sel­ben ver­lange ich in den Stand der heili­gen Ehe zu treten. Darum, hochverehrter Herr Vat­ter, ersuche ich Ihnen nach der Lehre des Engels Raphael, wenn er spricht: Werbe um sie, so wird dir gegeben; ja, ich halte an, ich lasse nicht, Sie seg­nen mich denn; ich höre nicht auf, Sie gewähren mir denn meine Bitte und ver­sprechen mir, Ihre Jungfer Tochter zur Ehe zu geben; ich rede nach mit Sim­sons Gebet: sie gefällt meinen Augen.

Vor meinen Augen ist keine auf der ganzen Welt, als sie mein Schatz, die mir recht und wohl gefällt; ihr Betra­gen und Ver­hal­ten giebt mir ein helles Beispiel an, daß man sie vor Jung und Alten loben, rüh­men und preisen kann; Ihr stilles sittsam Wesen ist schön­er wie Edel­stein, Sum­ma, sie ist auser­lesen und muß meine Lieb­ste sein. Darum laß ich alles liegen, daß ich möge doch noch mal mit meinem zärtlichen Vergnü­gen scherzen, lieben und lachen zumal; leben in ein­er fried­samen Eh’, daß man unsere Tugend seh’, denn mein Zeuge ist im Him­mel, und der mich ken­nt, in der Höh’.

Hertz viel­geliebter Vat­ter!
Ich liebe seine Jungfer Tochter zärtlich, wie mein eigen Leib,
alle Tage für ihr zu sor­gen, das soll sein mein Zeitvertreib;
denn ich bring nicht viele Schätze,
aber doch ein treues Hertze.

Hier ist mein Hertz voll Liebe­streu,
welch’ jeden Tag soll wer­den neu,
von guter Art, von gut Geblüt,
einen guten Sinn und treu Gemüt.
Ja so lang ich hab das Leben mein,
werd’ ich ihr treuer Herr Mann sein.

Und gegen Euch, Vat­ter, werde ich mich ver­hal­ten, wie es einem gehor­samen Sohn wohl anständig ist. Ja gegen Seine ganze Fam­i­lie werde ich mich erzeigen, daß sie in der Nähe und in der Ferne ein wohl anständi­ges Leben spüren und vernehmen wer­den. Damit ich Ihnen aber nicht länger mit meinem Reden aufhalte, jedoch hoffe, Sie wer­den aus diesem Ange­bracht­en mein Ver­lan­gen zu erken­nen wis­sen, so bedanke ich mich höflichst für Dero geneigtest Aufmerken und ver­hoffe eine angenehme Antwort.

Quelle: Esch und Haack (zir­ka 1895): Edde­lak in alter und neuer Zeit. Ver­lag D. Hinz, Bruns­büt­tel­hafen, S. 25–27